Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Speer- und andere Spitzen

Wien (OTS) - Subjektiv gesehen versteht man Karl-Heinz Grasser. Er muss schon nach zwei Tagen seinen Urlaub (auf der eigenen Yacht) abbrechen, weil SPÖ, Grüne und deren Vorfeldmedien ihn schon wieder mit Untergriffen zum Hauptziel des Wahlkampfs machen - wohl nur deshalb, weil er überaus populär ist. Wer würde da nicht vor Ärger zerspringen?

Objektiv gesehen hat sich Grasser nun aber auf eine Ebene mit Pilz, Matznetter & Co gestellt: Er kam nämlich bei seiner Verteidigung plötzlich auf einen neuen vertraulichen Bericht der Nationalbank zum Bawag-Skandal zu sprechen, in dem konkreter denn je von "Veruntreuungen", also einem strafrechtlichen Delikt, die Rede sei, und wies im selben Atemzug auf den SPÖ-Vorsitzenden hin.
Was ebenso mies ist wie die Yacht-Kampagne der Opposition: Es ist nicht nur inkorrekt, mit Andeutungen aus Geheimberichten (zu viel "News" gelesen?) zu agitieren, sondern auch, ohne Beweise Namen in Zusammenhang mit einem Delikt zu rücken. Sollte Grasser keine Beweise vorlegen, stünde ihm eine Entschuldigung gut an - auch wenn die ebenso dringend fällige Entschuldigung seiner Jäger weiterhin unwahrscheinlich ist.

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Müssten nicht so viele Menschen deswegen schwitzen, wäre Schadenfreude am Platz: Denn wenn das Arbeitsinspektorat nun bürokratisch die Inbetriebnahme neuer (klimatisierter) U-Bahn-Züge verhindert, passiert einer Behörde einmal genau das, woran tausende Unternehmer in diesem Land leiden. Die können über ähnliche Schikanen gerade Wiener Ämter ein lautes Klagelied singen.

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Apropos Wien: Die Wiener Arbeiterkammer kritisiert eine Aktion des AMS, die Wiedereinsteigerinnen (nach der Karenz) zu Urlaubsvertretung verhelfen soll: Denn im Sommer gebe es kaum Kinderbetreuungsplätze. Richtig - nur: Vielleicht könnte die Kammer auch einmal erwähnen, wer in Wien für Kindergärten und deren Öffnung zuständig ist: nämlich das Rathaus. Aber nach Ausfall des ÖGB und Halbausfall der SPÖ fühlen sich die (von Zwangsbeiträgen lebenden) Arbeiterkämmerer wohl endgültig als alleinige Speerspitze im Wahlkampf. Und würden sich wohl eher alle Zungen abbeißen, als einmal auch die SPÖ zu kritisieren.

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