DER STANDARD-Kommentar: "Ein scheinheiliges Angebot" von Samo Kobenter

"Wie Fairness im Wahlkampf aussieht, hat der ORF-Report eindrucksvoll gezeigt"; Ausgabe vom 20.7.2006

Wien (OTS) - Bescheidenheit und Demut, zwei zentrale Anliegen der christlichen Wertegemeinschaft, kann man Reinhold Lopatka - immerhin Generalsekretär einer dem Vernehmen nach dieser nahe stehenden Partei - nicht nachsagen: Er will immer alles, und das sofort. Nur so kann sein ausgerechnet im ORF-"Report" offeriertes Angebot eines Fairnessabkommens an die mitdiskutierenden Kollegen der anderen Parteien zu verstehen sein, wurde doch in dieser Sternstunde politischer Television selbst dem Kurzsichtigsten deutlich vor Augen geführt: Eine Volkspartei, die den ORF zur Seite hat, muss die Großzügigkeit ihres Generalsekretärs bis zum Wahltag und wahrscheinlich darüber hinaus nicht fürchten.
Allein die Ausführungen Lopatkas, die er unbeeinsprucht vom Moderator der Sendung ausbreiten durfte, strotzten geradezu von Fairness, wie sie die ÖVP versteht und der ORF eilfertigst transportiert: Folgt man Lopatkas Darstellung des Treffens von Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Banker Wolfgang Flöttl auf der Yacht ihres guten Freundes Julius Meinl, so drängt sich der logische Schluss auf, Grasser und Gemahlin seien von der SPÖ eingeladen und von der FPÖ nach Kroatien geflogen worden, nachdem sich die Grünen bereit erklärt hatten, die Kosten für alle zu übernehmen. Die Kernfrage der lächerlichen Affäre, dass Grasser nämlich seit ihrem Ruchbarwerden die Unwahrheit gesagt hatte, schmetterte Lopatka stur ab - das Gegenteil sei der Fall, Grassers Rede immer schon klar oder geklärt wie das Wasser des Wörthersees. Über die Rolle des Koalitionspartners BZÖ sah Lopatka fairerweise hinweg, hatte er doch mit dem orangen Bündnissprecher Uwe Scheuch einen kongenialen Co-Interpreten, der seine Exegesen auf eine etwas rustikalere Begriffsebene transponierte. Schließlich wollen alle potenziellen Wählerschichten der schwarz-orangen adäquat beliefert werden.
Und Moderator Gerhard Jelinek lieferte kräftig mit. Unübertrefflich sein flehentlicher Einwand, die FPÖ möge ihn doch nicht als Schmiedl der Informationspolitik des Küniglberges verkennen, sondern gleich zum Schmied, sprich Generaldirektorin Monika Lindner, gehen, wenn sie sich unfair behandelt fühlt. Selten wurde in einem Satz der Kompetenzentzug in der medialen Realverfassung Österreichs deutlicher zusammengefasst und zugleich gezeigt, wo im ORF der Hammer hängt, mit dem die Oppositionsgfrießer aus dem Kastl hinausgeklopft werden. In aller gebotenen Fairness, selbstverständlich.
Eine investigative Glanztat war auch Jelineks Versuch, die dümmlichen freiheitlichen Vergleiche Österreichs mit Nordkorea ausgerechnet von dieser Runde entkräften zu lassen: Was denn kann man sich darauf als Antwort erwarten? Dass wir in einer Diktatur leben, die Alfred Dschugaschwili Gusenbauer nach einem Wahlsieg zur Volksdemokratie abmildern könnte? Solche Auflagen kann selbst Lopatka nicht verwerten, so viel Fairness hat er schon noch.
Verwunderlich an dieser Debatte, die für alle noch kommenden im ORF das Schlimmste befürchten lässt, war aber auch die Bereitschaft, mit der sich SP-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos auf das Fairness-Gestrudel Lopatkas einließ. Wenn, wie im aktuellen Fall Grasser, nicht einmal geklärt werden kann, was wer wann wirklich gesagt hat, braucht man sich über irgendwelche Sauberkeitsgebote nicht den Kopf zu zerbrechen. Abgesehen davon werden sie ohnehin nicht eingehalten. Der Versuch der grünen Geschäftsführerin Michaela Sburny, wenigstens die Wahlkampfkosten transparent darzustellen, war nett, geht aber von Illusionen aus: Gerade beim Geld hört sich die Offenheit auf. Also wäre es gleich klüger, auf die Sheinheiligkeit "Fairnessangebot" zu verzichten und sich den Wählern so zu präsentieren, wie sie die Parteien kennen und wahrnehmen - sie sind es ja gewohnt. Und sich auf ihre Abgeklärtheit zu verlassen, die natürlich weiß, dass nach der Wahl alles ganz anders gemeint war. In aller Fairness.

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