Creditreform Österreich - INSOLVENZSTATISTIK 1. Halbjahr 2006

Trotz Aufhellung: KMU und Private sind die Verlierer; Insolvenzursachen und Maßnahmen dagegen

Wien (OTS) - Die aktuelle Insolvenzstatistik von Creditreform Österreich (Berechnungszeitraum 1.1.2006 bis 30.6.2006), Mitglied der größten Gläubigerschutzorganisation Europas, zeigt für das
1. Halbjahr 2006 zwei Trends:

1. Fast ausschließlich mittelständische Unternehmen sind vom Konkurs betroffen.
2. Die Privatinsolvenzen überholen die Firmeninsolvenzen.

Gegenüber dem Vergleichszeitraum 1. Halbjahr 2005 sind die Gesamtinsolvenzen im 1. Halbjahr 2006 um 3,5% auf 7.133 Insolvenzfälle gestiegen. Davon entfallen 3.398 Insolvenzen auf Unternehmen und 3.735 auf Privatpersonen. Sinkt die Zahl der insolventen Unternehmen auf hohem Niveau um 6,7%, verzeichnen die Privatinsolvenzen hingegen mit einem Plus von 15% ein neues Rekordergebnis. Die Zahl der eröffneten Insolvenzverfahren steigt um 11,1% auf 4.658 Insolvenzen (-2% auf 1.527 Firmen, +19% auf 3.131 Private). Mangels Masse werden 2.475 Konkursanträge abgewiesen (-8,3%), davon entfallen 1.871 auf Unternehmen (-10,2%) und 604 auf Privatpersonen (-1,8%).

Bundesländerranking

In absoluten Zahlen gesehen, ist fast jede dritte Firmeninsolvenz in Wien zu verzeichnen (1.033 Insolvenzen, -3,6%). Die stärksten Rückgänge sind in den Bundesländer Vorarlberg (-20%, gesamt 132 Fälle), Salzburg (-18,4%, gesamt 199 Fälle) und Burgenland (-13,7%, gesamt 107 Fälle).
Bei den Privatinsolvenzen trifft es die Bundeshauptstadt gleich doppelt: 1.080 Privatpersonen schlitterten in den ersten sechs Monaten in die Insolvenz, das Plus von 55,4% ist ebenso Österreichrekord. Danach folgen Kärnten (+29,1%) und Tirol (+8,8%) mit großem Abstand. Hingegen geht die Zahl der Privatinsolvenzen in der Steiermark (-12,6%), in Vorarlberg (-11,1%) und im Burgenland (-10,8%) zurück.

Insolvenzursachen: Warum KMU insolvent werden...

Der aktuelle Trend geht eindeutig zu Klein- und Kleinstinsolvenzen. Daher hat die Mittelstandsanalyse der Creditreform Wirtschafts- und Konjunkturforschung im Frühjahr 2006 1.679 Klein- und Mittelbetriebe befragt, wo der heimische Mittelstand die Ursachen für das Scheitern sieht.
37,8% sehen Managementfehler als Ursache für die Insolvenz, 22,2% Kapitalmangel, 14,4% den Wettbewerb, 15,6% die allgemeine Wirtschaftslage und 10% den (strafbaren) Missbrauch des Insolvenzverfahrens zwecks Entschuldung. Im europäischen Vergleich werden die geringe Eigenkapitalquote (64,4%), restriktivere gesetzliche Bestimmungen (22,2%) und die heimische Standortpolitik (10%) als Ursache für die nach wie vor hohe Insolvenzquote angeführt. Die Implementierung von Instrumenten des strategischen Risiko- und Forderungsmanagements zwecks Insolvenzprophylaxe scheint bei Großunternehmen besser zu funktionieren.

...und was dagegen unternommen werden kann

72% der von Creditreform befragten KMU fordern Maßnahmen, die die Schaffung von Eigenkapital erleichtern und sehen im ausreichenden Eigenkapital den besten Schutz vor Insolvenz. 59% halten eine bessere kaufmännische Qualifizierung und Ausbildung der Unternehmer geeignet. 76% wünschen sich eine Reform des Insolvenzrechts (Stichwort:
Sanierung statt Liquidation), wobei sich 65% für eine Senkung der Mindestausgleichsquote von 40% auf 30% aussprechen, um so das faktisch tote Ausgleichsrecht zu beleben. 86% stimmen auch einem nach Unternehmensgröße differenzierten Sanierungsverfahren ("austrifiziertes Chapter-11-Verfahren") zu. 74% fordern mehr Zeit für den Schuldner, unter Aufsicht eines Sanierungsverwalters sein Unternehmen zu sanieren. Für die Eindämmung des Missbrauches des Insolvenzverfahrens durch eine konsequente bzw. härtere Bestrafung sprechen sich 73% der befragten KMU aus.

Privatinsolvenz: Zahlen & Fakten

Nach einer Statistik der Dachorganisation der Schuldnerberatungen sind 300.000 österreichische Haushalte im Durchschnitt mit 63.550 Euro verschuldet. 3.131 Schuldenregulierungsverfahren wurden im ersten Halbjahr eröffnet. Als Gründe für die zunehmende Insolvenz der Österreicher gelten Einkommensverschlechterungen (durch Arbeitslosigkeit, Karenz, etc.), sorgloser Umgang mit Geld und persönliche Schicksalsschläge (Scheidung, Unfall). Die bisher eingeleiteten oder geplanten Maßnahmen ("Girokonto light" für Überschuldete, Informationsveranstaltungen in den Schulen über den richtigen Umgang mit Geld, Schuldner-Coaching durch die bevorrechteten Schuldnerberatungsstellen) weisen in die richtige Richtung. Angesichts der aktuellen Insolvenzentwicklung bei den Privatinsolvenzen müssen diese aber weiter verstärkt und ausgebaut werden. Die Verantwortung für seine Finanzen kann dem Einzelnen aber von niemandem abgenommen werden.

Conclusio 1. Halbjahr 2006

Vergleicht man die österreichische Insolvenzentwicklung bei den Unternehmen der vergangenen Jahre mit einem Leck geschlagenen Schiff, in das immer mehr Wasser eindringt, so kann man für 2006 die Prognose wagen, dass nunmehr mehr Wasser abgeschöpft wird als nachströmt. Bei den Privatinsolvenzen füllt sich aber das Schiff weiter bedenklich. Wieder einmal ist die Politik als Kapitän und Krisenmanager gefragt, um mittels vernünftiger Rahmenbedingungen die Geier über den Schiffbrüchigen zu verscheuchen. Welche Maßnahmen der heimische Mittelstand als geeignet dafür ansieht, hat die Creditreform Mittelstandsanalyse aufgezeigt: Eigenkapitalfördernde Maßnahmen, Reform des Insolvenzrechts, Bestrafung der Kriminellen unter den insolventen Unternehmern. Die Firmen müssen sich mittels einer stärkeren Beschäftigung mit ihren betriebswirtschaftlichen Zahlen und einem präventiv ausgerichteten Risikomanagement wappnen. Den Privaten bleibt der Rat, zuerst in die Geldbörse und dann ins Schaufenster zu sehen.

Rückfragen & Kontakt:

und Insolvenzstatistik:
Mag. Gerhard M. Weinhofer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
Creditreform Österreich
Tel.: +43-1-218 62 20-551
mailto: g.weinhofer@wien.creditreform.at
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