Grasser und der ganz normale "Schwachsinn"

"Presse"-Leitartikel von Franz Schellhorn

Wien (OTS) - Nicht Flöttl jr. ist das Problem von Karl-Heinz Grasser, sondern Karl-Heinz Grasser. Und eine kleine Yacht.

Wenn der österreichische Finanzminister zwei Tage auf einer netten Yacht in der kroatischen Adria ausspannt, ist das für die einen eine unspektakuläre Nachricht. Andere sehen im selben Ereignis einen handfesten Skandal. Zum Beispiel die SPÖ und die Grünen. Weil Finanzminister Karl-Heinz Grasser auf besagter Yacht nämlich einem gewissen Wolfgang Flöttl jr. die Hände schüttelte.
Also jenem Wolfgang Flöttl jr., der einst als "rotes" Bankgenie gefeiert wurde, das es "sogar in New York" zu etwas brachte. Um wenig später mit dem Kunststück von sich hören zu lassen, nur ein paar Jahre zu benötigen, mindestens eine Milliarde Euro an den Börsen zu versenken. Geld, das nicht Flöttl selbst, sondern - wie angenehm -der Bawag gehörte. Und damit dem ÖGB bzw. der Arbeiterbewegung.
Ob der Finanzminister mit Flöttl jr. an der Reling über die Bawag-Affäre oder "heiße" Aktien plauderte oder ihm nur die Hände geschüttelt hat, ist ziemlich unwichtig. Einem gefallenen Investmentbanker die Hand zu geben, ist weder ein Skandal noch ein Verbrechen. Weshalb die Yacht-Affäre auch keine Affäre sei. Sondern reiner "Schwachsinn", wie Finanzminister Karl-Heinz Grasser meint. Wie Recht er doch hat. Es ist tatsächlich Schwachsinn, sich als Finanzminister der Republik für zwei Tage vom Banker Julius Meinl V. auf eine Yacht ins Mittelmeer einladen zu lassen und diese Einladung auch noch anzunehmen. Was daran so schlimm sein soll? Zum Beispiel der nicht ganz unwichtige Umstand, dass ein zweitägiger Yacht-Aufenthalt einen Geldwert darstellt, dessen Annahme einen Beamten des Finanzministeriums in gröbste Schwierigkeiten brächte und vermutlich im Rauswurf des Staatsdieners enden würde. Und weil man so etwas ganz einfach nicht tut.

Wie sich der Finanzminister der Republik Österreich auch die Bewerbung der eigenen Person via Internet nicht von der Industriellenvereinigung finanzieren lässt (auch nicht über einen Verein). Wie sich der Finanzminister der Republik auch nicht bei den Austrian Airlines für den Flug in den Urlaub auf die Malediven ohne entsprechende finanzielle Gegenleistung in eine bequemere Klasse "upgraden" lässt. Und wenn sich der Finanzminister der Republik von Firmen zum Grand Prix nach Monte Carlo fliegen lässt, dann ist das nichts Ungesetzliches, aber auch nicht das, was unter einer guten Optik zu verstehen ist. Umso mehr, wenn der Finanzminister im Jet der Firma Magna, seinem früheren Arbeitgeber, anreist. So geschehen im Jahr 2003, wenige Wochen vor der geplanten Privatisierung der Voestalpine - an der auch Magna heftiges Interesse nachgesagt wurde. Warum immer wieder Karl-Heinz Grasser so tolle Einladungen erhält? Weil er nach dem Bundeskanzler der wichtigste Mann der Regierung ist und sein Glamour-Faktor doch ziemlich sichtbar über jenem des Kanzlers liegt. Und ganz ehrlich: Wollen Sie vielleicht während einer schicken Cocktail-Party irgendwo auf einer schönen Yacht, die in einer beschaulichen Bucht vor Anker liegt, mit Verteidigungsminister Platter über die neuesten "Chkanonen" parlieren? Eben. Oder sich im Hafen von Monaco mit Frau Prokop darüber austauschen, wie schnell nun eigentlich ein Speer fliegt? Na also.

Warum sich Karl-Heinz Grasser nichts dabei denkt, derartige Einladungen gerne anzunehmen, verstehe freilich, wer will. Wo jeder politisch mittelmäßig interessierte Mittelschüler längst weiß, dass es zu den Lieblingsbeschäftigungen der Opposition gehört, den mit Abstand populärsten Minister des Landes bei jeder Gelegenheit anzuschießen. Das ist schließlich das Geschäft einer Oppositionspartei. Warum es ausgerechnet Grasser als "sein" Geschäft erachtet, SPÖ und Grünen die Munition höchstpersönlich in die Hand zu drücken, ist am Ende wohl nur von Psychologen zu verstehen.
Grasser wird auch die unschöne Yacht-Geschichte ohne nennenswerten Kratzer überstehen. Erstens, weil er enorm beliebt ist. Zweitens, weil er Glück hat. Etwa jenes, in Österreich Finanzminister zu sein und nicht in Deutschland. Dort ermitteln gerade Staatsanwälte gegen Politiker und einen Energiekonzern, weil Letzterer es für eine gute Idee hielt, Volksvertreter zu einem Fußballspiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft einzuladen. Und drittens: Weil die Suppe laut Rechtsexperten zu dünn ist. Es fehlt nämlich die Gegenleistung. Ob das die Sache moralischer macht? Mit Sicherheit nicht.

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