Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Land der Vernaderer

Wien (OTS) - Grüne Abgeordnete bemühen sogar Vergleiche zur Cosa nostra. Anlass: Der Finanzminister ist gleichzeitig mit Herrn Flöttl junior, einem der Hauptverdächtigen des Bawag-Skandals, zu einem Schiffs-Törn eingeladen gewesen. Hier können wir auch gleich eine exklusive Enthüllung der "Wiener Zeitung" nachschieben: Wir sahen Karl-Heinz Grasser einst in sehr verdächtig wirkenden Gesprächen mit den Herrn Elsner und Verzetnitsch, weiteren Verdächtigen der großen Gaunerei. Und die Wette gilt: Auch die gesamte SPÖ-Spitze war x-mal mit den beiden zusammen.

Rätselhaft sind allerdings der Wert und Sinn all dieser "Enthüllungen" - außer dass sie einen Nebelvorhang rund um die tatsächlichen Verbrechen ziehen. Nicht einmal in Belarus würde aus solchen gesellschaftlichen Begegnungen eine Mitschuld konstruiert. Die besteht höchstens darin, dass Grasser ebenso wenig wie seine sozialdemokratischen Vorgänger ein effizientes System der Bankenkontrolle hat installieren können: Dieser Tätigkeit gehen nämlich viel zu viele Institutionen nach - Finanzmarktaufsicht, Nationalbank, Staatskommissäre, Aufsichtsräte, Wirtschaftsprüfer, usw. - sodass letztlich niemand mehr genau hinschaut. Jeder verlässt sich (gut honoriert) auf den anderen.

Die Yacht-Attacke gegen den Finanzminister reiht sich nahtlos ein in die bei den ÖBB eingerissenen Denunziationen auf Bassena-Niveau:
Wer spielte mit wem Golf, wessen Sekretärin hat für welchen Verein einen Brief geschrieben, und wer hat gar ein Dienstauto unerlaubterweise benutzt?

Diese ganze Jauche wird aber noch übertroffen vom Intrigantenstadel ORF. Dort sitzen offenbar wirklich Menschen herum, die nichts Besseres zu tun haben, als Buch zu führen, an welchem Tag ein Vorgesetzter den Ausdruck "Weiber" verwendet hat, damit man das dann drei Jahre später aus der Lade ziehen kann. Widerlich. Aber die politische Korrektheit besteht ja hierzulande überhaupt vor allem darin, jemandem auch noch nach Jahrzehnten einen nicht stromlinienförmigen Sager nachweisen zu können. Und niemanden interessiert es, ob jemand seinen Job gut oder schlecht erfüllt hat.

Immer öfter wird einem übel, wenn man all das betrachtet: In was für einen Denunziantenhaufen hat sich Österreich nur verwandelt?

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