"Kleine Zeitung" Kommentar: "Israelischer Militärschlag ist ein Zeichen der Ratlosigkeit" (Von Wolfgang Sotill)

Ausgabe vom 13.07.2006

Graz (OTS) - Wer auf der Küstenstraße von Tel Aviv in Richtung Norden nach Haifa fährt, sieht auf halbem Weg ein eigenartiges Monument: einen überdimensionalen, rot gefärbten Sessel. Weithin sichtbar ist er auf dem Deckel eines riesigen Treibstofftanks montiert.

Der leere Sessel steht symbolisch für das Warten. Und zwar wartet Israel auf die Rückkehr von Ron Arad, eines 1986 über Beirut abgeschossenen Kampffliegers. Mit den Jahren ist es still geworden um den damals 28-jährigen Arad, die Wunde ist leidlich vernarbt. Gestern wurde sie wieder aufgerissen, als wieder zwei Soldaten der Hisbollah in die Hände fielen.

Die alten Erinnerungen werden wach, die alten Traumata Israels, wieder einmal Opfer islamischer Terroristen im Libanon zu sein. Und das könnte gefährlich sein. Für den Nahen Osten insgesamt, zunächst aber für Regierungschef Ehud Olmert. Denn er, die jüngst umgefärbte Friedenstaube, sieht sich seit geraumer Zeit mit der Kritik konfrontiert: Er habe Israel den Frieden versprochen, ihm aber mehr tägliche Raketenangriffe aus Gaza beschert, als vor dem Abzug von dort.

Mit diesem Befund geht die Einschätzung einher, Olmert sei ein Mann großer Worte, aber ohne Tatkraft. Er glaubt, daraus gelernt zu haben. Er zeigt in diesen Tagen Entschlossenheit. Dass Israel im Gaza-Streifen die ganze Skala seiner militärischen Möglichkeiten einsetzt, ist freilich weniger ein Zeichen von Stärke, als eher eines von Ratlosigkeit.

Mit dem Abzug aus Gaza hoffte Olmerts Vorgänger und Mentor, der jetzt unheilbar kranke Ariel Sharon, das unruhige Territorium, das für Israel zu einem Klotz am Bein geworden war, loszuwerden und zugleich eine Basis für Verhandlungen mit den Palästinensern zu schaffen.

Das erwies sich als Trugschluss. Seit dem Sieg der Hamas bei den Wahlen hat Israel keinen Verhandlungspartner mehr, den es gerade jetzt dringend brauchen würde. Die Hamas kann oder will ihre Kämpfer nicht kontrollieren und kann oder will die lange Hand Syriens nicht abschlagen.

Gefährlich für Israel ist, dass die Hisbollah mit der gestrigen Entführung einen Solidaritätsakt mit der Hamas in Gaza gesetzt hat. Dass diese beiden Gruppierungen, die einander lange Zeit nicht über den Weg trauten, nun den Schulterschluss proben können, geht auf eine "Initiative" von Shimon Peres zurück. Er hat vor Jahren 400 Hamas-Kämpfer aus Gaza in den Südlibanon verbannt. Damals sind die ersten Kontakte entstanden. Man sieht: Wer Wind sät, wird Sturm ernten.****

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