WirtschaftsBlatt Kommentar vom 13.7.2006: Terrorbekämpfer müssen umdenken - von Herbert Geyer

Der Kampf gegen den Terror schadet mehr als der Terror selbst

Wien (OTS) - Die nackten Zahlen - fast 200 Tote, deutlich über 600 Verletzte - sagen nichts über das menschliche Leid aus, das die Anschläge von Mumbai ausgelöst haben. Diese Zahlen sind auch nicht zu relativieren - etwa durch die Tatsache, dass in Indien jeden Tag mehr Menschen in Verkehrsunfällen sterben. Und das Leid vermindert sich auch nicht durch die Konsequenzen, die die indische Regierung zweifellos ziehen wird. Die üblichen Reaktionen - polizeiliche und/oder militärische Massnahmen - sind nicht geeignet, Leid zu lindern.

Im Gegenteil: Die Anschläge des 11. September 2001 in den USA haben bekanntlich fast 3000 Todesopfer gefordert - fast 3000 menschliche Tragödien. In den Kriegen in Afghanistan und im Irak, die die USA danach zur Verhinderung eines neuerlichen 9/11 begonnen hat, sind bereits allein unter US-Soldaten ebenso viele Tote zu beklagen wie bei den Anschlägen selbst. Das sind 3000 weitere menschliche Tragödien.

Und da sind die Gefallenen der gegnerischen Truppen, die Toten unter der jeweiligen Zivilbevölkerung und die Opfer der gegen die Besatzer gerichteten Terroranschläge noch gar nicht mitgerechnet.

Angesichts dieses vieltausendfachen menschlichen Leides ist es zynisch, auch noch über die Kosten zu reden, aber trotzdem: Allein die Ölpreissteigerungen, die durch die Unsicherheit rund um die diversen Nach-9/11-Kriege hervorgerufen wurden, haben weltweit mehr Schaden verursacht als die Anschläge selbst. Von den direkten Kriegskosten und -zerstörungen ganz zu schweigen. Und vor allem: Die Kriege haben die Terrorgefahr auch nicht verringert - im Gegenteil.

Fazit: Was die Welt in letzter Zeit zur Terrorverhinderung unternommen hat, hat mehr materiellen Schaden und mehr menschliches Leid ausgelöst als die Terroranschläge selbst (vom Schaden, den Rechtsstaat und Menschenrechte im Westen erlitten haben, reden wir gar nicht) - und war zudem wirkungslos. Es wäre also an der Zeit, die Methoden der Terrorbekämpfung zu überdenken.

Würde nur ein Bruchteil der für Polizei- und Militärmassnahmen aufgewendeten Mittel dafür eingesetzt, die bestehenden Konfliktherde - etwa das Palästinenserproblem oder den Kaschmir-Konflikt - zu befrieden, so wäre die Welt weit sicherer, und viel menschliches Leid bliebe uns erspart.

Konfliktlösung ist möglich. Auch in Südtirol krachten vor 40 Jahren noch Bomben. Heute ist das glücklicherweise undenkbar.

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