"Die Presse" Leitartikel: Alle Vorurteile überdribbelt (von Josef Metzger)

Ausgabe vom 10.7.2006

Wien (OTS) - Die WM hat gezeigt: Fußball ist ein Gesellschaftsspiel, das die Perspektiven eines Landes verändern kann.

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wird nicht nur in die Geschichte eingehen als eine Veranstaltung, die alle Erwartungen übertraf und Rekorde schlug, was die Begeisterung der Menschen aller Rassen, Klassen und Religionen betraf, auch der Massen, die sie so bewegte, dass dabei auch Umsätze erzielt wurden, die in die Abermillionen gingen - und das weit über die deutschen Grenzen hinaus auch in Ländern wie Österreich, wo die echten und die notorischen Adabei-Fans ihren (Bier)Durst statt Tor-Hunger stillen mussten.
Sie war einfach, um es auf einen kurzen Nenner zu bringen, in vielerlei Hinsicht phänomenal. Und zu den Phänomenen dieser WM 2006 gehörte auch, dass vieles mit ganz anderen Augen gesehen wurde, als dies sonst kritische Geister gerne tun. Vieles von dem, was sich da nicht nur rund um das Brandenburger Tor abspielte, sondern in allen Fan-Meilen in ganz Deutschland, die vielen Töne, Chöre, Schlachtrufe und mitunter ziemlich teutonischen Jubelgesänge, die da angeschlagen wurden, hatten auf einmal nicht mehr den Nach- und Beigeschmack eines patriotischen Geheules, sondern wurden zu Synonymen für die größte Party, die es je gegeben hatte, zumindest aber als solche optimal präsentiert und noch besser verkauft.
Das wurde nicht zuletzt deshalb ermöglicht, weil sich auch die deutschen Fußballer allesamt als "Klinsmänner" entpuppten. Als junge, dynamische, positive und offensive Erfolgs-Typen wie ihr Herr und Meister, der vordem mit ihnen durch den Kakao gezogen worden war, um dann auch ohne Titel-Happy-End landauf, landab als Weltmeister der Herzen gefeiert und in den Fußballhimmel gehoben zu werden. Als nationale Helden und Ikonen, die ein neues deutsches Wir- und Selbstwertgefühl vermittelten.
Eine klassischere Form von totaler Wende, die mit dem Eröffnungsspiel eingesetzt und eine Eigendynamik bekommen hatte, die alle Zweifel, Vorbehalte oder gar Kritik wie nichts wegfegte, hätte es gar nicht geben können. Und wenn auch die Qualität vieler Spiele so sank wie die Tor-Quote, je näher es der finalen Entscheidung zuging - als einmal die Welle durch alle Arenen wogte, ließ sie sich nicht mehr bremsen. Selbst der (sportliche) deutsche Knick bedeutete da nur einen kurzen Knacks, nicht mehr als ein Klacks.
Eine perfekte Inszenierung, in der das Kombinationsspiel von Spiel, Sport, Politik, Medien und Fans fabelhaft funktionierte. Der Ball, so könnte man sagen, lief wie am Schnürchen, als wäre das alles tausende Male geprobt worden, obwohl es Improvisation war, diktiert von der Entwicklung.
Das Bild vom Sonntag vor dem Brandenburger Tor, wo sich gut eine halbe Million versammelt hatte, sagte alles. 17 Jahre nach der Wende, als die Mauer endlich geöffnet worden war, sich aber danach eine neue in Form von Ost-West-Ressentiments aufgebaut hatte, stand eine Mauer von Menschen wie eine neue deutsche Einheit, Ossis wie Wessis, in patriotischer Harmonie, singend und tanzend, jubelnd und klatschend, als reflektierten die Fußballhelden der Nation ein Deutschland, das nicht mehr alte und neue Bundesländer trennt. Ja, da hatte sie leicht jubeln, die Kanzlerin Angela Merkel, die sich in und mit dem "Kaiser" Franz Beckenbauer, den Granden des Weltfußballs und den jungen Stars in neuer Popularität sonnen konnte - trotz Gesetzen, die dem Wähler in die Tasche greifen. Aber das ging alles unter in der Euphorie, die von Berlin bis Stuttgart überschwappte.

Nie zuvor wurde einem durch eine Weltmeisterschaft so vor Augen geführt und bewusst gemacht, dass Fußball nicht nur ein Mannschaftssport ist, sondern ein Gesellschaftsspiel, das zumindest temporär in der Lage ist, sowohl Perspektiven der Gesellschaft als auch das Image eines Landes zu verändern, wenn nicht umzudrehen. Und das ist Deutschland, das sich zum Ziel gesetzt hatte, guter Freund aller Gäste zu sein, in einem Maß gelungen, wie das niemand erwartet hätte. Wie die deutschen Kicker, die Vorurteile schwungvoll überdribbelten, hat die Erwartungen in einem Ausmaß übertroffen, dass die Welt den verhinderten Fußball-, aber vollendeten WM-Veranstaltern applaudierte.
Das Spektakel der Superlative, das alle Rekorde brach, bedeutet aber sowohl Herausforderung als auch Hypothek für alle, die an den Deutschen gemessen werden. Nicht nur die Euro 2008 bei uns, sondern erst recht Südafrika als WM-Veranstalter 2010, das eine Wende wie beim Nachbarn noch viel dringender bräuchte. Im Fußball steckt nicht nur heiße Luft, sondern auch die Kraft, Illusionen zu verwirklichen.

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