"Oberösterreichische Nachrichten"-Kommentar "Liebenswerter Wichtigtuer" von Christoph Zöpfl

Ausgabe vom 10. 7. 2006

Linz (OTS) - Eigentlich müssten sich ab morgen Zeitungen und Magazine zu Flugblättern verdünnisieren und das Fernsehen stundenlang Testbilder zeigen - "Wir bedauern, die Fußball-WM ist vorbei".
Der noch nie da gewesene mediale Hype, welcher sich im Umfeld dieser Weltmeisterschaft aufgeschaukelt hat, aber auch die daraus resultierende engagierte Anteilnahme der Politik, machten uns vor, auf unserem Planeten ginge es einzig und allein darum, ob das Runde ins Eckige geht oder nicht. Und wir haben es geglaubt. Zumindest fast.
Die schöne, heile Welt hat er uns vier Wochen lang vorgespielt, der liebenswerte Wichtigtuer Fußball. Sogar der schwarz-rot-goldene Ego-Trip der Deutschen war uns fast sympathisch. Und den ehemaligen Ungustl Oliver Kahn würden wir inzwischen ohne zu zögern für den Friedensnobelpreis vorschlagen.
Die Emotionsgewitter, welche diese Weltmeisterschaft gekennzeichnet haben, waren ausschließlich positiv aufgeladen. Dem Aufblitzen der Begeisterung fehlte das leider im Sport oft erlebte dumpfe, chauvinistische Donnergrollen, sieht man von ganz wenigen Irrläufern ab, die eher Anhänger des Alkohols als des Fußballs gewesen sind. Alles gut und schön. Nur die Welt ist dadurch nicht besser geworden, auch wenn die Herren des Weltverbandes so tun, als wäre ihr Fußball ein Heilmittel für alle Probleme des Erdballs. Um diesen Anspruch zu untermauern, verging bei der WM kaum ein Tag, an dem nicht auf freiwillige soziale Dienstleistungen der FIFA außerhalb des Stadionrasens hingewiesen wurde. Kinderdorf-Projekte, Umweltschutz-Initiativen, Anti-Rassismus-Kampagnen - FIFA-Präsident Joseph Blatter, den sie den Schweizer Napoleon nennen, tat gerne so, als hätte er mit Mahatma Ghandi das Leiberl getauscht.
Kein Wunder, dass die FIFA bei der Weltmeisterschaft Andre Heller nicht auftreten ließ. Ihr Präsident ist selbst der größten Illusionskünstler und Dichter, den man sich vorstellen kann. Am liebsten reimt er Herz auf Kommerz.

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