"Presse"-Kommentar: Fußball ist nichts für Intellektuelle (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 8. Juli 2006

Wien (OTS) - Gut, dass der Fußball ab Montag wieder uns Fußballern gehört. Wir sollten ihn auch nie wieder hergeben.
Albert Camus soll einmal gesagt haben, dass er so ziemlich alles, was er über Moral wisse, auf dem Fußballplatz gelernt habe. Vermutlich ist das einer der Hauptgründe dafür, dass unter den Intellektuellen ein philosophisch angehauchtes - also strukturell unehrliches - Fußballinteresse schick geworden ist, das den wirklichen Liebhaber dieses Sports nur misstrauisch machen kann. Denn Fußball ist nichts für Intellektuelle. Entweder man ist Fußballer oder man ist Intellektueller.
Die mittlerweile schon zum Stereotyp verkommene Übung, anlässlich von Weltmeisterschaften und sonstigen fußballerischen Großereignissen Schriftsteller Fußballkolumnen schreiben zu lassen, ändert nichts an dieser naturgesetzmäßigen Tatsache. Im Gegenteil: An der Vorstellung, dass ein über Fußball schreibender Intellektueller etwas Besonderes für besondere Anlässe sei, erkennt man ja nur, dass da zusammengeschustert werden soll, was nicht zusammen gehört.
Für besonders originell halten sich die Verunstalter von Zeitungen und Zeitschriften, die Schriftstellerinnen zu Fußballkolumnen einladen. Die Ergebnisse dieser noch aussichtsloseren Originalitätsübungen sind in der Regel besonders unerträglich. Im Wesentlichen gilt das auch für alle anderen Sportarten. Elfriede Jelinek beispielsweise hat selten einen größeren Unsinn geschrieben als ihre pseudomassenpsycholgische Tirade gegen das öffentliche Zur-Schau-Stellen schwitzender Leiber beim Marathonlauf. Wer will so etwas?
Natürlich gibt es Intellektuelle, die auch Sportler bzw. Fußballer sind. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie für die Zeit, in der sie Fußballer sind, ihre Existenz als Intellektuelle auf Null reduzieren. Folgerichtig müssen sie auch nach dem Spiel - ganz egal, ob sie aktiv oder als Zuseher daran teilgenommen haben - ihre Existenz als Fußballer wieder auf Null stellen. Denn wenn sie als Intellektuelle Fußball spielen, spielen sie schlecht, und wenn sie als Fußballer schreiben, schreiben sie schlecht.
Eine der wenigen Ausnahmen auf diesem Gebiet ist Gerhard Roth. Der bringt es fertig, nicht als Intellektueller, sondern als Fußballer über Fußball zu schreiben. Das Ergebnis sind saubere Analysen, die den Sachverstand des Fußballers mit dem Handwerk des Schreibers verbinden. Das restliche Gesumse, das zu Weltmeisterschaften den Blätterwald erfüllt, ist einfach unerträglich. Ein Fußballspiel ist ein Fußballspiel ist ein Fußballspiel und nicht das willkürliche Ausgangsmaterial für schreibgehemmte Autoren, denen zur Illustration ihres Weltschmerzes, ihrer Globalisierungswut oder sonstiger Kümmernisse gerade nichts Besseres einfällt. Geniale Fußballer sollten nicht für mittelmäßige Welterklärungsversuche missbraucht werden. Interessant an Zinedine Zidane sind seine atemberaubende Ballbeherrschung und sein unerreichter Überblick. Außerdem ist er ein cooler Typ. Alles andere, vom tränendrüsigen Multikultiquatsch bis zur cineastischen Pseudokunst, ist unnötig bis peinlich.
Das hier ist übrigens keine Theorie - da hätten wir gleich die Jelinek zum Leitartikel einladen können -, sondern die Zusammenfassung von empirischem Material. Diese Woche zum Beispiel hatte ich das Vergnügen, an einem Fußballspiel teilzunehmen, bei dem der Bundeskanzler mit einer Mannschaft aus Politikern, Managern und Prominenten gegen eine Journalistentruppe angetreten ist.
Dieses Spiel bot nicht nur einen Hinweis darauf, dass es noch Gerechtigkeit gibt in der Welt (die Journalisten haben 4:2 gewonnen), sondern auch etliche Belege für meine seit langem vertretene Hypothese von der unüberwindbare Mauer zwischen Fußballern und Intellektuellen. In der Mannschaft des Kanzlers spielte der berühmte Biomediziner Josef Penninger. Hätte er auch nur einen kleinen Rest seines Intellektuellendaseins mit aufs Spielfeld laufen lassen, wäre es ihm nicht gelungen, mich mehrmals mit der vollen Wucht seines gut trainierten Körpers zu Fall zu bringen. Umgekehrt möchte ich mir das Schicksal nicht vorstellen, das seine Knock-Out-Mäuse im Labor erleiden müssten, wäre er nicht in der Lage, seine Fußballerexistenz spätestens unter der Dusche vollständig abzulegen.
Das Gesetz der getrennten Welten scheint auch für Fußballer und intellektuelle Politiker zu gelten: Der Kanzler kickt ungefähr so, wie er Politik macht, was ein Grund dafür sein mag, dass er eher durchschnittliche Fußballkolumnen schreibt.
Gut also, dass spätestens ab Montag der Fußball wieder uns Fußballern gehört. Wir sollten ihn nie wieder hergeben.

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