"Kleine Zeitung" Kommentar: "Schwarz-rot-geil oder Der Fußball als Opium des Volkes" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 30.06.2006

Graz (OTS) - Claudia Schiffer in eine schwarz-rot-goldene Schärpe gehüllt, lasziv hingestreckt in Überlebensgröße an den Wänden der Londoner U-Bahn: So viel Ehre gaben die Briten den "Krauts", über die sie sonst nur Verachtung und Spott ausgießen, noch nie.

"Helm ab vor einem ungemein freundlichen und kultivierten Deutschland", schwärmt die sonst nobel zurückhaltende "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Bildzeitung", die schon mit "Wir sind Papst" das Unsagbare auszusprechen wusste, fand auch diesmal das Zauberwort: "Schwarz-rot-geil".

Die Deutschen, die sich 61 Jahre lang jeden Patriotismus systematisch ausgetrieben hatten, zeigen plötzlich Nationalstolz und sie genieren sich nicht dafür. Die, die sich nur als zahlungskräftige, nicht immer beliebte Touristen in aller Welt kennen, erleben sich nun als freundliche, großherzige, allseits geschätzte Gastgeber.

Es sei den Nachbarn herzlich gegönnt: Ein Volk sieht sich plötzlich geliebt und lernt sich selbst zu lieben. Könnte es sich etwas Schöneres wünschen?

Zustande bringt das alles der Fußball, diese wohltätige, friedliche, völkerverbindende, Klassen und soziale Unterschiede überspringende Macht. Sogar die Kauflust beflügelt er, jenes Zauberelixier des allgemeinen Glücks.

Karl Marx nannte die Religion das "Opium des Volkes". Sie täusche die Menschen über ihre wahre Situation, spende falschen Trost und lähme ihre Kraft, die Verhältnisse zu ändern. Diese Vorwürfe wird der Religion kaum jemand mehr machen, im Vergleich zum Fußball ist sie heute eine aufklärerische Macht.

Man mag sich an die Franzosen erinnern, nachdem sie vor vier Jahren die Fußball-WM gewonnen hatten. Ein Volk vermeinte im Sieg seiner Fußballer die Bestätigung seines Systems zu sehen. Dass die Siegestore von farbigen Franzosen geschossen wurden, priesen sie gar als den Triumph der multikulturellen Gesellschaft.

Als der Rausch vorüber war, fanden sie sich wieder in ihrer alten Welt. Die schöne Illusion vom geglückten Zusammenleben der Farben und Kulturen zerbrach drei Jahre später im Aufstand der afrikanischen Jugendlichen in den Vorstädten.

Am 10. Juli werden auch die Deutschen - ob Weltmeister oder nicht -mit Konsternation entdecken, dass ihr Land das geblieben ist, was es vorher war. Da möchte man ihnen das Gemüt der Brasilianer wünschen. Die würden zwar im Falles des Sieges wie verrückt feiern, aber keine Sekunde glauben, ihr Land oder sie selbst seien dadurch besser geworden. ****

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