"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Die Leiden der Pensionisten" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 30.06.2006

Wien (OTS) - Wer hätte das gedacht: Pensionisten geben mehr als "normale" Durchschnittshaushalte für Gesundheitspflege und damit zusammenhängende Dienstleistungen sowie für den Aufenthalt in Seniorenheimen aus. Dafür schlagen die Kosten für Fitnessstudio, neue Eheringe und Digitalkameras deutlich niedriger zu Buch.
Woher wir das auf einmal alles so genau wissen? Die Statistik Austria errechnet heuer seit Jänner einen "Preisindex für Pensionistenhaushalte", kurz PIPH. In Auftrag gegeben hat ihn der Österreichischen Seniorenrat, gezahlt hat das Sozialministerium. 8000 Haushalte mussten auflisten, wofür sie Geld ausgeben. Insgesamt 770 Positionen erfasst der solcherart zusammengestellte "Warenkorb". Die Angaben der 2400 Pensionistenhaushalte ergeben den neuen Index. Sensationell groß sind die Abweichungen nicht: Um zwei Zehntel Prozentpunkte jährlich bekamen Pensionisten die Preissteigerungen seit 2001 stärker zu spüren als die Bezieher von Aktiveinkommen. Entsprechend bescheiden würde sich die vom Seniorenrat geforderte Änderung der Pensionsanpassung auswirken. Legt man künftigen Anpassungen den Pensionisten- statt des normalen Verbraucherpreisindex zugrunde, würden die betroffenen Rentner 20 bis 50 Euro mehr bekommen - pro Jahr, wohlgemerkt!
Das ist zwar für Pensionisten mit Monatseinkommen zwischen 690 und 1850 Euro - alle anderen bekommen statt prozentueller Erhöhungen Fixbeträge - auch viel Geld. Aber um die finanziellen Leiden von Pensionisten zu lindern, hätte es nicht erst einer sündteuren, vom Sozialministerium bezahlten Konsumerhebung bedurft.
Jetzt wissen wir zwar, dass der durchschnittliche Pensionistenhaushalt etwas mehr für tiefgekühlte Fertiggerichte, für Rotwein und Sekt sowie für das Waschen und Bügeln von Herrenhemden ausgibt als ein Normalhaushalt; wir nehmen erstaunt zur Kenntnis, dass auch Pensionisten einiges Geld für Fahrschule, Schlafsäcke, Nachhilfestunden, Kinderkrippe und Tagesmütter aufwenden - letzteres vermutlich nicht für sich selber, sondern für die Kinder und Enkel. Nicht ganz auszuschließen ist, dass die Politik mit der Studie einen Doppelzweck verfolgt. Einerseits könnte sich die jährliche Pensionserhöhung künftig tatsächlich am Pensionsindex orientieren und damit etwas großzügiger als bisher ausfallen. Andererseits aber haben die Politiker jetzt schwarz auf weiß, dass sich die subjektiv von Rentnern als sehr belastend empfundenen Preissteigerungen mit den objektiv erhobenen Daten nicht bestätigen lassen.
Dass sich viele Pensionisten den tatsächlich kräftig teurer gewordenen Kaffeehausbesuch, die Heizung im kalten Winter oder ähnlichen "Luxus" nicht mehr leisten können, wird von der Statistik nicht erfasst. Deshalb wäre etwas mehr Augenmaß und etwas weniger Zahlenspielerei gerade in diesen Fällen der sinnvollere Zugang zu einer fairen Pensionsanpassung. Die so heftig propagierte Eigenvorsorge wird sich ja erst in der nächsten Pensionistengeneration finanziell auswirken.

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