WIFO-Chef Aiginger in der WKÖ: "Wirtschaftspolitik soll Freude an Veränderungen generieren"

Chancen für Europa durch "Dynamik der Nachbarn" und die "nahe Globalisierung" - Hoffnungen auf Ausweitung von Beschäftigung durch Mittelbetriebe

Wien (PWK439) - Der Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes
WIFO, Karl Aiginger, war Festredner beim Wirtschaftsparlament der Wirtschaftskammer Österreich. Das höchste Gremium der WKÖ tagt heute, Donnerstag, im Haus der österreichischen Wirtschaft in Wien. Unter dem Motto "Die Dynamik gestalten" präsentierte der Wirtschaftsforscher 12 Thesen zu Wirtschaft und Politik im nächsten Jahrzehnt.

"Die Weltwirtschaft erlebt derzeit ein kräftiges Wachstum", führte Aiginger aus. Gleichzeitig existierten aber auch auch neue Ungleichgewichte, die eine stärkere internationale Koordination erfordern. Dazu fand Aiginger kritische Worte: "Zu viele der intelligentesten Köpfe in allen Ländern beschäftigen sich mit der Möglichkeit, aus Ungleichgewichten kurzfristige Gewinne zu erzielen." Zu wenig Aufmerksamkeit werde der Notwendigkeit gewidmet, die Ungleichgewichte realwirtschaftlich durch physische und immaterielle Investitionen, bildungspolitisch und verteilungspolitisch zu beseitigen.

Als Wachstumsproblem Europas macht der national wie international renommierte österreichische Wirtschaftsforscher aus, "dass die wirtschaftspolitische Performance weit unter ihrem Potenzial liegt." Es sei nicht zu erwarten, dass die europäische Wirtschaftspolitik alleine Europa auf Wachstumskurs bringe; entscheidend sei aber, wie viele Staaten europäische Ziele und Leitlinien verfolgen oder sogar übertreffen, z.B. bezüglich Wachstum, Beschäftigung, Forschung und tertiärer Ausbildung. "Nationale Wirtschaftspolitik gewinnt an Bedeutung", unterstreicht Aiginger.

Denn das Tempo der Veränderungen, die auf uns zukommen, bleibe weiter hoch. Im Schnitt seien die Chancen, die Veränderungen bieten, größer als eventuelle Belastungen. Unabdingbar sei es, die Fähigkeiten zu verstärken, mit Veränderungen zu leben, diese zu gestalten und zum Nutzen zu verwenden. Die Institutionen, darunter auch die Sozialpartner, sind aufgefordert, die neue Realität zu begleiten und zu gestalten. Und Aiginger moniert: "Das reformierte europäische Modell muss auf Veränderung vorbereiten, Sicherheit geben, Freude an Veränderungen generieren." Die Politik müsse andererseits zur Kenntnis nehmen, dass es durch Veränderung "Verlierer" gibt, deren Zahl aber vorausschauend klein gehalten und durch nachträgliche Qualifizierung reduziert werden müsse.

Chancen für Europa eröffnen sich durch die Dynamik der Nachbarn, so Aiginger dann weiter. Die weitweite Globalisierung mag ein Auswärtsspiel sein, die "nahe Globalisierung" ist ein Heimspiel für Europa. Der Wirtschaftsraum Europa und damit auch unsere Nachbarländer werden bis 2050 mit rund 3 Prozent ähnlich rasch wachsen wie die USA (Prognose des WIIW). Die Nachbarländer Europas erleben einen Wachstumsboom; ihre Einbindung müsse durch ehrliche und innovative Regelungen erfolgen.

Die Lage Österreichs "in der geographischen Mitte und an der Wohlstandskante" prädestinierte unser Land als Zentrum von Firmen, als Gestalter von Politik, Wirtschaft und Kultur, als Vorbild für ein europäisches Wirtschaftssystem. Gleichzeitig mache die Lage aber "die beste Wirtschaftspolitik" erforderlich, so Aigingers These Nummer 6.

Allerdings drohe Österreich seinen Vorteil bei der Qualifizierung zu verlieren, "das wäre ein ernsthaftes Hindernis für das Eintreten in die Wissensgesellschaft, für die Konkurrenzfähigkeit und für die Ausnutzung der Chancen der neuen geografischen Lage", warnt Aiginger:
"Der Qualitätsvorteil schmilzt und muss neu erarbeitet werden, das entscheidet die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit."

Zu den größten Herausforderungen für Österreich zählen auch weiterhin Zuwanderung und Alterung: ".Mittelfristig gibt es keine quantitative Arbeitskräfteknappheit", denn in den nächsten 10 Jahren werde ein größeres Potenzial an Arbeitskräften zur Verfügung stehen, so Aigingers These Nummer 7.

Es gebe sicher auch Möglichkeiten, mit etwas geringerem Wachstum als 2,5 Prozent die Arbeitslosigkeit zu senken, darunter auch einige positive Maßnahmen (Bildungsfreistellung, Teilzeit in der gewünschten Lebensphase). Die meisten Maßnahmen zur Reduktion der Arbeitslosigkeit ohne Wachstum seien aber passiv und dirigistisch (Verbote von Überstunden, Erschwerung von Arbeitsbewilligungen), sodass eine Anhebung des Wachstums der bessere Weg ist: Darum fordert Professort Aiginger "eine konsistente mittelfristige Wachstumsstrategie, die auch soziale Absicherung und ökologische Ziele einschließt."

Die zehnte seiner insgesamt 12 Thesen besagt, dass die größten Hoffnungen auf eine Ausweitung von Beschäftigung liegen bei Mittelbetrieben, die die Öffnung Zentral- und Osteuropas nutzen, um zu europäischen Spielern zu werden oder ihre Zulieferungsfunktion für multinationale Unternehmen stärken. Die bestehenden Zentralen von in-und ausländischen Unternehmen müssen durch erstklassige und maßgeschneiderte Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen in Österreich gehalten und vergrößert, neue Regional- und Kompetenzzentren müssen angeworben werden. Er plädiert für eine neue zukunftsorientierte Partnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die u.a. Standortbedingungen und -verbesserungen in betrieblichen und außerbetrieblichen Strategieforen diskutiert. Diese "Erweiterte Sozialpartnerschaft" erzeuge und garantiere die spätere Sicherheit für vorerst flexible Arbeitskräfte in einer betrieblich zukunftsorientierten Personalplanung.

Der Weg dorthin führt über Flexibilität mit Sicherheit und Gendergerechtigkeit: Flexibilität ist ein Vorteil für Firmen, sie kann es auch für Arbeitnehmer sein; sie muss allerdings gemanagt, balanciert und gendergerecht gestaltet werden.Die Ungleichheit der Nutzung der Teilzeit nach Geschlechtern etwa weise auf die Vernachlässigung von qualifizierter Arbeitskraft hin, ebenso auf die unberechtigte und unverständliche Skepsis gegen Teilzeitbeschäftigung bei Männern.

Seine zwölfte und letzte These formulierte Aiginger als Vision, nämlich "durch Kombination von Offenheit und Sicherheit die Herausforderung anzunehmen und zu gestalten." Da sei die (Wirtschafts-)Politik ebenso gefordert wie die Sozialpartner, wie die Firmen und wie jeder und jede einzelne: "Sie müsse die Fähigkeit der Individuen stärken, ihre Lebensumstände zu gestalten und zu verbessern, sie muss die Qualifizierung erhöhen und Gestaltungsfähigkeiten forcieren. "Dann wird Veränderung als positive Chance gesehen und nicht als Unheil, das man vermeiden muss." Weiters müsse das Langzeitproblem der Ungleichbehandlung von Mann und Frau in Angriff genommen werden, so Aiginger abschließend. Der Volltext des Vortrages ist auf der WIFO-Homepage mit der Ardesse www.wifo.ac.at zu finden. (JR)

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