ÖGB: Mehr als 100.000 Jugendliche auf der Suche nach weiterführender Ausbildung

Lehrstellensituation in Österreich entwickelt sich dramatisch

Wien (ÖGB) - "Die Situation für Österreichs Jugendliche wird zunehmend dramatischer. Nicht nur dass sich von 2001 bis 2006 die Lehrstellenlücke täglich um fast vier fehlende Plätze vergrößert hat, werden Ende Juni weitere 50.000 Jugendliche auf der Suche nach einer Lehrstelle im Betrieb sein", so Rudolf Hundstorfer, gf. ÖGB-Präsident. 101.039 Jugendliche beenden Ende Juni ihre Schulpflicht und sind auf der Suche nach einer weiterführenden Ausbildung. Davon werden an die 50.000 Jugendliche ihre Berufsausbildung in Form einer Lehre fortsetzen wollen. An die 40.000 werden nach Schätzungen tatsächlich als Lehrlinge in Betrieben aufgenommen. Hundstorfer: "Mindestens 10.000 werden daher heuer wieder keine Lehrstelle im Betrieb bekommen. Hinzu kommen 16.359 Jugendliche, die schon jetzt keine Lehrstelle im Betrieb haben und natürlich auch weiter suchen."++++

Während Ende Mai 2001 noch 5.449 Lehrstellen fehlten, vergrößerte sich die Lücke bis Ende Mai 2006 auf 12.716 Stellen. Die Zahl der offenen Lehrstellen steigt zwar wieder leicht. Stellt man jedoch die Zahl der Lehrstellen Suchenden gegenüber wird schnell klar, dass dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Hundstorfer: "Der wesentlichste Grund für das Wachsen der Lehrstellenlücke ist, dass die Wirtschaft immer weniger ausbildet. Die Zahl der Lehrplätze im Betrieb ist von 145.516 im Jahr 1990, auf 126.600 im Jahr 2000 und auf 122.378 im Jahr 2005 gesunken. Seit dem Jahr 2000 gingen täglich zwei Lehrplätze verloren!"

Auch die Ausbildungs- und Arbeitsmarktlage für Österreichs Jugendliche bis 24 Jahre verschärft sich von Jahr zu Jahr. Ende Mai waren 32.910 Jugendliche bis 24 als arbeitslos vorgemerkt, 22.583 Jugendliche bis 24 Jahre in Schulungsmaßnahmen des AMS und 4.217 als Lehrstellen Suchende registriert. "Insgesamt waren also 59.710 junge Menschen auf der Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz", so Hundstorfer.

"Aufgrund der dramatischen Aussichten fordern wir deshalb die Bundesregierung auf, 10.000 zusätzliche Plätze im Auffangnetz zur Jugendausbildung zu schaffen: Wenn Jugendliche keinen Lehrplatz finden, muss es für sie bei Bedarf einen Platz in Lehrgängen geben. Ebenso sollen die Jugendlichen nicht nur die Möglichkeit, sondern das Recht auf den Lehrabschluss in diesen Maßnahmen haben", so Hundstorfer. 4.000 Plätze davon solle es in Stiftungen und überbetrieblichen Lehrwerkstätten geben, wo einerseits Zukunftsberufe, für die die Wirtschaft keine ausreichenden Lehrplätze anbietet, über die gesamte Lehrzeit ausgebildet würden und andererseits sozialpädagogische Förderung für Benachteiligte möglich sei.

Weitere Forderungen des ÖGB zur Lehrstellenkrise:

o Finanzierung der Lehrlingsausbildung durch alle Betriebe. Es soll ein Berufsausbildungsfonds zwischen nicht ausbildenden und ausbildenden Unternehmen geschaffen werden.

o Mehr Qualität in der Ausbildung, durch Ausbildungsverbünde zwischen Betrieben einer Branche, von denen einer allein nicht einen ganzen Beruf ausbilden kann. In die Ausbildungsverbünde sollen auch überbetriebliche Ausbildungseinrichtungen und die Berufsschulen miteinbezogen werden. Insgesamt entstehen dadurch mehr Lehrstellen.

o Erhöhung der Ausbildungsqualität auch durch eine Verbesserung der Ausbildung der AusbilderInnen, Erstellung von Ausbildungsleitfäden oder verbesserte Ausstattung der Berufsschulen.

o Berufsbildungsassistenz für alle Lehrlinge unter Einbeziehung der Sozialpartner.

o Eine echte Berufs- und Bildungsorientierung implementieren, mit fachlich fundierter LehrerInnenausbildung und eigenen Qualifikationsprofilen

o Ausweitung der Berufsschulzeit um die Qualifikationsanforderungen erfüllen und Defizite ausgleichen zu können.

o Öffnung der Berufsschulen als Ort der Weiterbildung (Stichwort Berufsreifeprüfung und Vorbereitung auf das Nachholen von Lehrabschlüssen).

o Mehr Frauen in "typische Männerberufe" durch ein gezieltes Förderprogramm des AMS

o Zusätzlich Initiativen der Regierung für mehr Plätze an Berufsbildenden Schulen und höhere Abschlusszahlen, damit der Lehrstellenmarkt nicht weiter belastet wird, weil SchülerInnen ihren Schulplatz wieder verlieren.

o Umsetzung der Ganztagsschule mit einem Rechtsanspruch auf Förderunterricht

o Umsetzung von Schulversuchen, um in ausgewählten Branchen das Modell einer Berufsfachschule (Berufsschule mit höherem Praxisanteil als in Berufsbildenden Mittleren Schulen) zu erproben.

ÖGB, 29. Juni 2006
Nr. 457

Rückfragen & Kontakt:

ÖGB Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Annemarie Kramser
Tel.: (++43-1) 534 44/222 DW
Fax: (++43-1) 533 52 93
http://www.oegb.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NGB0002