Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Tiermörder und Menschen

In russischen Gefängnissen wird heute wieder gefoltert wie im Kommunismus; alljährlich sterben Millionen an der Malaria; ähnlich viele junge Mädchen erleiden jedes Jahr Genitalverstümmelungen. Was haben all diese Meldungen gemeinsam? Sie ernten nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, die der "kaltblütige Mord" an einem Bären findet. Gewiss, wir alle hören immer wieder gern nette Gschichteln, weil man sich ja nicht ständig der ganzen deprimierenden Last der Geschichte widmen kann. Aber die verbissene Erregung so vieler Menschen, Vereine und Parteien in Sachen "Bärenmord" ist bedrückend. Immerhin hat das streichelsanft scheinende Zottelwesen etliche Tiere erlegt; es ist von den meisten Experten als ernsthafte Gefahr für Menschen eingestuft worden. Da sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass der Auftrag zum Abschuss des Bären gegeben wurde, nachdem alle Versuche, ihn zu betäuben, gescheitert waren.

Die Bärenaufregung ist nur eine von vielen Erscheinungen, die auf eine zunehmende Degeneration unserer Zivilisation schließen lassen:
In Bangla Desh, einem der am meisten übervölkerten Länder der Welt, wird unter dem Druck westlicher Romantiker Platz für freilebende Tiger geschaffen - von denen jeder einzelne (auf Kosten der armen Bevölkerung) viele Hektar Lebensraum braucht. In Österreich wird der Tierschutz im Unterricht eingeführt - während Rechtschreibung und Allgemeinbildung der Absolventen immer schwächer werden. Und in Spanien verleiht die linke Mehrheit Affen jetzt sogar schon Menschenrechte.

Uns scheinen alle Wertsysteme verloren zu gehen. Manches mal versteht man die Moslems, die voller Verachtung von der wachsenden Dekadenz des laizistischen Westens sprechen.

Während der opportunistische Populismus der Regierungen immer mehr vor dieser Dekadenz zurückweicht, gibt es aber auch erfreuliche Meldungen: Die zwei reichsten Menschen der Welt - beides Amerikaner -spenden drei Viertel ihres Vermögens für Entwicklungsprojekte. Ein Vielfaches dessen, was UNO, EU und Europas Regierungen dafür ausgeben. Sie tun das noch dazu durchwegs für Projekte, die Menschen zugute kommen. Und vor allem: an allen von Politikern und Diplomaten gelenkten Institutionen vorbei.

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