DER STANDARD-Kommentar: "Mehr als eine Stilfrage" von Petra Stuiber

Ausgabe vom 29. 6. 2006

Wien (OTS) - Wie so oft, wenn Alfred Gusenbauer einmal Flagge
zeigt, kann man über seinen Stil streiten. Ja, es stimmt, der SPÖ-Chef hätte auch ohne dramatischen Aufschrei durchgesetzt, dass ÖGB-Chef Rudolf Hundstorfer freiwillig die Wiener Wahlliste räumt. Gusenbauer hätte auch anders formulieren können, dass er künftig lieber Betriebsräte statt Spitzengewerkschafter in den Reihen der SPÖ-Parlamentarier sähe.
Über Stilfragen kann man sich freilich auch echauffieren, wenn man die beleidigten Reaktionen so mancher Spitzengewerkschafter verfolgt. FSG-Chef Wilhelm Beck fühlt sich durch Gusenbauers Ablehnung gleich so gedemütigt, dass er mit einem Quasiwahlboykott der SPÖ droht. Gerhard Fritz, der oberste Post-Gewerkschafter, empfiehlt, dass nur solche Gewerkschafter im Parlament sitzen sollen, die den Überblick haben soll heißen: Spitzenfunktionäre. Einem Betriebsrat dagegen, der zehn Arbeitnehmer vertritt, traut Fritz nämlich eher keine solide Abgeordnetenarbeit zu.
Es ist pure Überheblichkeit, die da vor allem mitschwingt. Der FSG-Vorsitzende verordnet von oben Enttäuschung seiner Mitglieder gegenüber der SPÖ, versteht sich. Dass sie ohnehin schon frustriert sind und zwar über die von Spitzengewerkschaftern verursachten, hausgemachten Probleme des ÖGB darüber sieht Beck großzügig hinweg. Offenbar agieren manche Spitzengewerkschafter gegenüber der Basis immer noch nach dem Motto: Wir sagen euch, was gut für euch ist, und ihr tut, was wir sagen.Kaum anders lässt sich auch die Abqualifizierung kleiner Betriebsräte interpretieren. Meint Herr Fritz, dass diese nicht imstande seien, parlamentarische Arbeit zu bewältigen?
Die solcherart geschätzten Mitglieder sollten sich gut überlegen, von wem sie sich da möglicherweise bevormunden lassen und ob ihr größtes Problem wirklich die stilistischen Patzer eines Alfred Gusenbauer sind.

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