DER STANDARD-Kommentar "Roter Zank unter Geschwistern" von Michael Völker

"Der angeblich starke Mann Gusenbauer schwächt den ÖGB und die eigene Partei" - Ausgabe 23.6.2006

Wien (OTS) - Alfred Gusenbauer hat den starken Mann gegeben. Und
er hat sich durchgesetzt. Rudolf Hundstorfer, der angeschlagene ÖGB-Präsident, sollte doch nicht in den Nationalrat, wie das mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl vereinbart war, sondern sich bitte lieber um die Neuorganisation der Gewerkschaft kümmern. Da hat Gusenbauer ordentlich auf den Tisch gehaut. Und Führungsqualität gezeigt. Und siehe da, kaum hat Gusenbauer den Konflikt gesucht und ein Machtwort gesprochen, verzichtet Hundstorfer schon auf seine Kandidatur - fast kleinlaut.
Gusenbauer hat den starken Mann aber nur markiert, der ist er nicht, und was hier geboten wurde, war schlechtes Schmierentheater und hatte nur den einen Sinn, Gusenbauer besser dastehen zu lassen - ein Versuch, der wahrscheinlich kräftig in die Hose gegangen ist.
Der große Vorsitzende Gusenbauer wusste nämlich bereits, dass Hundstorfer auf seine Kandidatur verzichten würde, als er ihn ultimativ dazu aufforderte. So war es mit Michael Häupl abgesprochen. Auch ein Zeitplan war bereits festgelegt worden: Hunds_torfer wollte von sich aus eine Erklärung abgeben - aus eigenem Antrieb und freiwillig.
Gusenbauer konnte aber offenbar der Verlockung nicht widerstehen, sich für etwas stark zu machen, was ohnedies eintreten würde, ein sicheres Spiel sozusagen. Nur dass Hundstorfer dabei ziemlich dumm ausschaut. Und das hat Gusenbauer in Kauf genommen. Dafür schaut er jetzt selbst ziemlich dumm aus.
Das war übrigens nicht das erste Mal, dass Gusenbauer den ÖGB-Chef leimte und sich auf seine Kosten zu profilieren versuchte. Wenige Stunden nachdem Hundstorfer Gusenbauer Ende März davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass der ÖGB die Bawag verkaufen werde, wandte sich der SPÖ-Chef an die Öffentlichkeit und forderte vom ÖGB, dass dieser die Bawag verkaufen solle. Da war die Beziehung schon angeknackst. Das schafft keine Freunde.
Das Verhältnis von SPÖ und ÖGB ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Die Enttäuschung, die im ÖGB über den SPÖ-Vorsitzenden herrscht, droht in Zorn umzuschlagen. Gusenbauer mag das recht sein, wenn es seine Strategie ist, in der Öffentlichkeit möglichst wenig mit den gewerkschaftlichen Schmuddelkindern, die in Penthäusern wohnen und Bankvermögen vernichten, zu tun zu haben und damit das Thema Bawag möglichst weit weg von der SPÖ zu schieben.
Diese Strategie ist aber mehr als ungeschickt: Erstens besetzt der SPÖ-Vorsitzende die Schlagzeilen wieder mit einem Negativthema aus der eigenen Partei, diesmal eben nicht mit der Bawag, sondern mit einem parteiinternen Streit, den er in aller Unnotwendigkeit selbst anzettelte.
Zweitens: Gusenbauer braucht den ÖGB, die SPÖ braucht den ÖGB. Man könnte fast sagen: Die SPÖ ist der ÖGB. Die Mehrheit aller Parteimitglieder und Parteifunktionäre ist gewerkschaftlich organisiert.
Es sind zu einem hohen Anteil die Gewerkschaftsfunktionäre, die im Wahlkampf für die Partei laufen, die Zettel verteilen, sich in die Organisationsarbeit einbringen und wieder andere Kollegen mobilisieren und motivieren. Warum sollten sie das jetzt tun? Für einen Parteivorsitzenden, der sich offensichtlich für die Spitzengewerkschafter geniert und sie nicht im Parlament haben möchte?
Der Streit mit der Gewerkschaft - in dieser Form unnötig wie in Kropf - wird der SPÖ ein veritables Mobilisierungsproblem bescheren. Und das in einer Situation, in der die SPÖ ohnedies schon angeschlagen in den Seilen hängt.
Gusenbauers Ärger über die Gewerkschaftsspitze und insbesondere Rudolf Hundstorfer, der ihm nicht immer alles gesagt hat, ist nachvollziehbar. Die jüngste "Machtprobe", die sich der SPÖ-Chef mit dem ÖGB liefert, hat aber den Anschein einer Retourkutsche und schwächt die Partei - nicht so nachhaltig, wie die Bawag-Affäre, aber schlimm genug. So wie die SPÖ derzeit - drei bis vier Monate vor der Wahl - aufgestellt ist, erledigt sie das Geschäft der ÖVP.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001