"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bush in Europa: Ein gefährlicher Dummkopf schaut anders aus" (Von Hans Winkler)

Ausgabe vom 22.06.2006

Graz (OTS) - Jedesmal, wenn sie den Namen George Bush aussprechen musste, verzog die Moderatorin der ZIB 2 das Gesicht, als ob sie in ein saures Gurkerl gebissen hätte, und der Reporter vor dem Intercont sagte das Wort "entourage" so, als ob es sich dabei um etwas Unanständiges handelte.

Man hätte den beiden auch so geglaubt, dass sie die Ablehnung, ja den Abscheu einer Mehrheit der Österreicher gegenüber dem Präsidenten der Vereinigten Staaten teilen.

Die Pressekonferenz gestern nach dem Gipfel bot den Zuschauern dann aber die Gelegenheit, sich ein Bild von dem Mann zu machen, von dem ihnen manche Medien ein Zerrbild vorsetzen. Viele werden nur bestätigt gefunden haben, was sie ohnehin schon gewusst haben; beim einen oder anderen hat vielleicht der Zusammenstoß von Wirklichkeit und Fiktion einen klärenden Effekt gehabt.

Einen Dummkopf - eines der beliebtesten Klischees europäischen Hochmuts gegenüber Bush - haben sie jedenfalls nicht gesehen. Auch nicht jemanden, der unbelehrbar wäre und aus bösen Erfahrungen und eigenen Irrtümern nicht Schlüsse ziehen könnte. Und sei es auch nur, dass ihn eine demokratische Öffentlichkeit in seinem Land oder eine Wahl im Herbst dazu zwingen. Guantanamo ist ein Beispiel.

Manchen mag es auch überrascht haben, mit welcher Selbstverständlichkeit sich der amerikanische Präsident eine ganze Liste von Kritik und Verfehlungen vorhalten ließ, die darin gipfelte, sein Land sei der gefährlichste Feind des Friedens auf der Welt. Keiner der kleineren oder größeren Diktatoren in der Karibik oder sonstwo, die bei vielen Europäern in hohem Ansehen stehen, nur weil sie sich als Feinde der USA gebärden, würde sich einer solchen Situation überhaupt aussetzen.

Auch wenn es in unzähligen Artikeln, TV-Beiträgen, Diskussionen schon abgehandelt wurde, so könnte es doch lehrreich gewesen sein, es einmal den Präsidenten der USA selbst sagen zu hören: Für die Europäer ist der 11. September nur ein Datum, für "uns hat sich dadurch aber das Denken verändert".

Unerhört ist es wohl auch, jemanden zu hören, der sich unverblümt zur Führung seines eigenen Landes bekennt und für seine Nation eine Hegemonie auf der Welt beansprucht. Soviel Entschlossenheit ist den Europäern peinlich und sie halten sie für eine schiere Anmaßung. Da sie selber für eine solche Rolle aber zu schwach sind, sollten sie sich die Frage beantworten, wem sonst sie sie anvertrauen möchten.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001