"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Wiener Charme" (Von Johannes Huber)

Ausgabe vom 22. Juni 2006

Wien (OTS) - Der US-Präsident, dem die Bevölkerung die kalte Schulter gezeigt hat, ist nach Budapest weitergereist. Das europäisch-amerikanische Gipfeltreffen, an dem er in Wien teilgenommen hat, ist indes bezeichnend gewesen für die gesamte EU-Präsidentschaft: Sehr gute Stimmung, sehr wenig Inhalt. Diplomaten mögen geradezu euphorisch feststellen, dass das schon ein gigantischer Erfolg sei: Man solle doch daran denken, wie frostig die Beziehungen nach dem 11. September 2001 bzw. dem folgenden Irak-Krieg gewesen seien.
So gesehen mag wirklich jedes Händeschütteln ein Fortschritt sein. Und wenn "Georg W." dem "Wolfgang" (Schüssel) dann auch noch das Du-Wort anbietet, wie er das gestern getan hat, dann muss definitiv Tauwetter herrschen.

Allein, was hat die Welt von so banalen Freundlichkeiten, wenn im Irak weiter Zivilsten und Soldaten sterben; wenn amerikanische Militärs weiter foltern; wenn Bush wieder nur ankündigt, dass er Guantanamo schließen wolle, aber wieder offen lässt, wie er sich das genau vorstellt? Die EU-Vertreter hätten dem Präsidenten, der ohnehin geschwächt ist, schon auf die Zehen treten können, um ihn zu konkreteren Ansagen zu zwingen.
Vom Wiener Gipfel wird nun nicht viel bleiben. Schon in wenigen Tagen wird man sich nur noch an den reibungslosen Ablauf erinnern. Wirklich stolz darauf wird ausschließlich die Polizei sein können; das bedeutet nämlich, dass zumindest sie beste Arbeit geleistet hat.

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