Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Doch kein Danaergeschenk

George W. Bush will Guantanamo schließen. Damit haben die Europäer einen - wenn auch datumsmäßig nicht fixierten - Erfolg beim Wiener Gipfel erzielt. Aber nur ein Teil der Häftlinge wird in den USA vor Gericht gestellt, bei den anderen gibt es offenbar nur Verdachtsmomente, aber keine gerichtlich verwertbaren Beweise. Was also tun mit ihnen? Werden sie in ihre Heimat überstellt, dann schreit Europa erst recht auf. Denn potenziellen Terroristen droht zu Hause mit Sicherheit fast durchwegs eine viel brutalere Behandlung als in den USA. Das berichten alle jene, die da und dort in Haft waren: In Guantanamo sei bis auf die ersten Tage die Behandlung viel korrekter gewesen.

Zum Glück hat Bush nicht auch gleich ein Danaer-Geschenk mitgebracht: Wenn sich Europa schon solche Sorgen um die Insassen Guantanamos macht, dann möge es sie doch bitte selbst übernehmen. Das wäre eine besonders explosive Antwort auf die Moralpauke aus Europa gewesen.

Denn Europa ist schon allein geographisch mindestens ebenso vom islamistischen Terror bedroht wie die USA. Es sind auch alle jene im Unrecht, die meinen, durch den Empfang für Bush werde der Terrorismus erst recht angezogen. Terroristen schlagen in Wahrheit überall zu, wo es nur möglich ist. Vom USA-kritischen Kanada bis nach Frankreich, dem größten Opponenten Bushs in Europa.

Seit sich gezeigt hat, dass Terrorismus zum Erfolg führt, finden radikale Moslems immer wieder neue Ziele: Von einer Abschaffung des Kopftuchverbots bis zu einem Verbot des Unterrichts durch Lehrerinnen für die männlichen Sprösslinge einer islamischen Familie. Manche glauben ja, im Jenseits für ihren Tod belohnt zu werden.

Bei allen Fehlern, die Amerika begangen hat: Es hat wenigstens eine Strategie gegen den Terror versucht. Und der 11. September 2001 hat ja vor dem Einmarsch in Irak und Afghanistan stattgefunden und nicht nachher, wie nun manche Kritiker glauben machen. Vorher lag Bush im Gegensatz zu Clinton sogar auf einem isolationistischen Kurs, etwa: "Der ganze Wahnsinn dieser Welt geht uns eigentlich nichts an, solange wir gut leben können." Das ist im Grund dasselbe, was die meisten Europäer wollen. Gerade der 11. September ist aber ein Beweis, dass diese Strategie nicht funktioniert.

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