DER STANDARD-Kommentar: "Nervige Tage mit Mr. President" von Otto Ranftl

George W. Bush in Wien: Sicher ist, dass er sich wenig Freunde in der Stadt macht - Ausgabe vom 21.6.2006

Wien (OTS) - Ein Sommertag in der Wiener Innenstadt, Schüssel und Plassnik gehen sichtlich entspannt durch die Bankgasse - ungestört ins Gespräch vertieft. Leibwächter? Bodyguard? Wenigstens irgendetwas, das nach Personenschutz oder sonstiger Sicherheitsvorkehrung aussieht? Kein Anzeichen, kein Mensch weit und breit in der Umgebung des Kanzlers und der Außenministerin. Schön für die beiden, schön für Österreich. Schön, dass es das weiterhin geben kann, dass man die Leute so wahrnehmen kann - im Restaurant, im Beisel, beim Heurigen oder einfach nur auf der Straße.

Dem gelernten Österreicher ist solches vertraut oder gut vorstellbar. Dementsprechend verstörend wirkt diese Art Ausnahmezustand, die der Bush-Besuch über Wien gebracht hat. Eine Art US-amerikanische Sicherheitsparanoia hat sich über das Land gelegt. Aus Hollywood kennt man das ja, ist eh ganz nett mit Harrison Ford in der Hauptrolle - im wirklichen Leben in Wien wirkt es nur noch ärgerlich. Lächerlich kann man nicht sagen, dazu muss man den ganzen Security-Zirkus ja doch zu ernst nehmen.

Und deshalb kann man dieser Entwicklung so schwer entgegentreten. Es könnte ja immer sein, dass der Fall eintritt ... der Teufel schläft nicht, heißt das auf Wienerisch.

Andererseits: Attentate auf die Wichtigen dieser Welt hat es immer gegeben. Nicht nur Präsident Ronald Reagan wurde angeschossen, auch der frühere Papst wurde zum Attentatsopfer - und der Petersplatz wurde nicht zum Hochsicherheitstrakt umgebaut. Selbst in Österreich hat es folgenschwere Anschläge gegeben - der Kärntner Landeshauptmann Leopold Wagner überlebte ein Schussattentat schwer verletzt, der Wiener Stadtrat Heinz Nittel starb.

Niemand in Österreich hat sich danach eingebunkert, hohe Politiker haben Schutz bekommen, sind den Menschen aber weiter zum Greifen nah, bei Zeltfesten. Keine Frage, das Gefährdungspotenzial des George W. Bush ist erheblich höher. Er tritt uns ja gleichsam als Feldherr gegenüber, als ein überaus aktiver in dem von ihm ausgerufenen Krieg gegen den Terror zudem.

Das wird man nicht wegdiskutieren können. Und doch stellt sich die Frage: Haben wir die USA nicht stets mit so etwas wie Freiheit verbunden? Was ist daraus geworden, was ist schief gelaufen in den vergangenen Jahrzehnten: Dem so genannten Herrn der freien Welt gehen heute die Büttel voran wie einst dem ungeliebten Potentaten - und säubern die Straße. Gesperrte Geschäfte, geschlossene Lokale, eine nicht zugängliche Stephanskirche, ein Betretungsverbot für den zentralen Platz der Stadt: Selbst in wohl meinenden und ganz und gar nicht linken und amerikafeindlichen Kreisen sieht man da Zornesröte in die Gesichter steigen. Als ob es nicht genügen würde, dass Personaldaten von Fluggästen auf der Transatlantikroute an US-Behörden weitergereicht werden. Jetzt wollen Polizisten auch noch wissen, an wen der Bäcker in der Sperrzone bisher seine Semmerln verkauft hat und wer vom Herrn Zahnarzt gerade dann eine Plombe eingebohrt bekommt, wenn unten auf der Straße der gepanzerte Konvoi vorbeidonnert. Menschen, die ein entspannteres Verhältnis zu ihren politischen Führern haben, muss so etwas auf die Palme bringen. Überdies gilt es zu beachten: Wenn der Terror die Macht herausfordert, sterben meist Zivilisten. Das war zu 9/11 so und das war beim Flughafenattentat in Wien-Schwechat so. Gilt der Schutz den Falschen?

Die Sympathiewerte der Europäer in den USA würden weiter sinken, würde das Worst-Case-Szenario wahr werden. Ein paar Bombenattrappen wurden ja gefunden. So richtig ernst nehmen muss man die wahrscheinlich nicht und hinterher ist man immer klüger. Vorausgesetzt, es bleibt bei ein paar alten Koffern am Straßenrand:
Lernfähigkeit würden wir uns von den Amerikanern erwarten, wenn wieder ein Präsident vorbeischaut. Es ist trotz aller Vorbehalte ein Besuch bei Freunden, da erwartet sich der Gastgeber Sensibilität.

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