Was, schon wieder ein US-Präsident in Wien?

"Presse"-Leitartikel von Michael Prüller

Wien (OTS) - Auch wenn wir's nicht wahrhaben wollen: Wir sind Weltbürger. Dieser Schmach sollten wir uns in Würde stellen.

Die Russen werden schon gewusst haben, warum sie damals so auf der bewaffneten Neutralität Österreichs bestanden haben. So wie wir Österreicher beschaffen sind, hätten wir uns nämlich sonst sehr bald in der unbewaffneten Neutralität häuslich eingerichtet. Die ist nämlich erstens billiger, zweitens weniger anstrengend und entspricht überhaupt mehr unserem Lebensgefühl. Insbesonders die Österreicher-Subspezies des gemeinen Wieners versteht sich gerne als weltabgewandter Meister schrebergärtlicher Binnengenügsamkeit - er will nicht in Großes verwickelt werden, er braucht keinen Weltruf zum Glücklichsein, er meidet das internationale Rampenlicht. Er überlässt die großen Gesten anderen. Ein Besuch eines US-Präsidenten, um ein Beispiel zu nennen, stört nur. Warum ausgerechnet bei uns, wo wir's uns doch so schön gemütlich eingerichtet haben? Straßensperren, Parkverbote, Polizeiaufgebot - rausgeworfene Millionen! Bush mag zwar der mächtigste Mann auf Erden sein, aber sogar der Helmut Elsner, unser aller Marcel, gibt mehr Trinkgeld. Und überhaupt ist er weder sympathisch noch gemütlich.
Wir sind das nämlich schon. Wir sitzen keinen Großmannssüchten auf. Jubeln tun wir nur, wenn einer Schmäh hat (und sonst nur in historisch gar nicht vergleichbaren Zeiten, was also nichts über unser wirkliches Wesen aussagt). Wir haben noch nie darauf geschielt, was bloß das Ausland zu uns sagen würde. Bei uns würden Wichtigtuer nie so weit kommen, schon gar nicht, wenn sie so ausschauen, als ob sie nicht einmal den "Schatz im Silbersee" lesen können. Auch wir mögen den Terror nicht, aber sind draufgekommen, dass man immer noch am besten fährt, wenn man Terroristen keinen Stein in den Weg legt, wenn sie nach Hause oder anderswohin wollen. Wir lieben das Kleine -und auch die EU mögen wir eigentlich nicht. Wir, großzügige Optimisten, die wir nun einmal sind, nehmen aber die EU in Kauf, weil sie vielleicht noch nützlich werden könnte, finanziell irgendwie oder indem sie uns die ungarischen Billig-Installateure vom Hals hält. (Natürlich nur die, die bei der Konkurrenz pfuschen gehen. Nicht die, die vorige Woche unser Bad neu hergerichtet haben.)
Nein, wir brauchen die ganze Globalisierung nicht, wir können unsere Mozartkugeln auch ohne all dem locker bis nach Singapur und Buenos Aires verkaufen. Wir brauchen keine Werbung für Wien im Ausland, erstens kommen dann doch nur zu viele Touristen, und zweitens genügt uns noch auf Generationen hinaus eine gelegentliche Wiederholung von diesem entsetzlichen "Sound of Music" im Kabelkanal, damit der Besucherstrom weiter fließt.
Wir sagen: "Leben und leben lassen", wünschen uns Wohlstand ohne Wettbewerb, hassen die Verkehrskontrolle genauso wie die Idee "160 für alle" und erwarten uns von einer Regierung, die wir für unfähige Gauner halten, dass sie uns unser Wasser im Land erhält und unsere Industrie umsichtig und sparsam verwaltet.
Wir sind froh, keine Deutschen zu sein, und manchmal wären wir gern wie die Schweiz, weil die in der Geschichte noch nie eine Rolle gespielt hat. Dort stören auch keine US-Präsidenten die Ruhe. Übrigens: Es war doch grad erst ein Gipfeltreffen mit dem US-Präsidenten in Wien, 1979. Warum also jetzt schon wieder eins -ist nicht längst irgendwer anderer dran? Und außerdem: ausgerechnet der Herr Bush! (Man beachte, wie wir es nobel verstehen, Geringschätzung durch äußere Formen der Hochachtung auszudrücken!) Wenn es wenigstens irgendein lustiger afrikanischer Diktator wäre oder so jemand Bunter.

Allerdings: Wir sind gar nicht so, wie wir glauben. Umfragen belegen, dass wir etwa zu jenen Völkern in Europa gehören, die sich am wenigsten vor dem Zuzug ausländischer Arbeitskräfte fürchten. Wir sind durch Disziplin, harte Arbeit und den intensiven Kontakt mit der Fremde wohlhabend geworden - und nicht aufgrund unserer Trink- und Sangesfestigkeit. Wir haben außerordentlich viele Akademiker mit Auslandserfahrung. Viele unserer Familienbetriebe gehören zu den Globalisierungschampions der Welt.
Ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, dass gerade in Wien die wichtigsten Köpfe zusammenkommen? Wäre es nicht ganz gegen unsere Geschichte, unseren internationalen Zuschnitt, wenn's anders wäre? Wir sind kein herziges Völkchen. Wir sind auch nicht ein zum Volk gewordener bieder-verschlagener Mittelstand. Wir sind Weltbürger. Und sollten das auch bleiben, mit innerer Zustimmung. Auch wenn unser Gast bei den Sympathiewerten bei weitem nicht an uns selbst herankommt.

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