• 16.06.2006, 14:09:30
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Tagung der Vorsitzenden europäischer Umweltausschüsse im Parlament Hauptthema Steigerung der Energieeffizienz

Wien (PK) - Das Thema Energieeffizienz stand heute im Mittelpunkt
einer Konferenz der Vorsitzenden der Umweltausschüsse des
Europäischen Parlaments, der EU-Mitgliedstaaten und der EU-
Beitrittskandidaten. Auf dem Präsidium der EU-Veranstaltung
wechselten der Stellvertretende Vorsitzende des Umweltausschusses
des Nationalrates, Kai Jan Krainer, und der Vorsitzende des
Umweltausschusses des Bundesrates, Karl Boden, einander ab.

Landesrat Rudolf Anschober: Oberösterreichs Weg zur Energiewende

Eingeleitet wurde die Konferenz vom oberösterreichischen Energie-
und Umweltlandesrat Rudolf Anschober, der die Erhöhung der
Energieeffizienz als Schlüsselthema in allen Strategien für die
Energiewende, also die Substitution fossiler Energieträger durch
erneuerbare Energieträger bezeichnete. Energieeffizienz sei auch
das Kernthema im Kampf gegen die Klimaveränderungen, die den
Inuits den Lebensraum wegschmelzen lassen und das Leben vieler
Menschen in Afrika bedrohen. In Europa erkenne man seit der
Diskussion um die Gaslieferungen aus der Ukraine zu Beginn des
Jahres, wie abhängig man von Energieimporten sei. Großbritannien
etwa habe darauf mit der Zielsetzung reagiert, den
Energieverbrauch im Gewerbe um 15 % zu senken und die Firma BP
investiere 6 Mrd. US-Dollar in die Energiewende.

Das Bundesland Oberösterreich sei auf dem Weg aus dem Öl und hin
zu erneuerbaren Energieträgern gut unterwegs und habe 2004
bereits 41,4 % seiner Wärmeenergie mit Öko- und Fernwärme
produziert. Ökostrom habe in Oberösterreich einen Anteil von 6 %
an der Stromproduktion und 13 %, wenn man Kleinwasserkraftwerke
einbezieht. 70 % der Stromproduktion in Oberösterreich stamme aus
der Wasserkraft. Beim Energieverbrauch konnte 2004 erstmals eine
spürbare Absenkung des Energieverbrauchs erreicht werden. Die
Energiewende ist für Oberösterreich erreichbar.

In seinen weiteren Ausführungen erläuterte Landesrat Anschober
das umfassende Energieeffizienz-Programm, das Oberösterreich
beschlossen hat, um jährlich 1 % Energie einzusparen, wobei der
öffentliche Sektor mit einer Einsparungsquote von 1,5 % als
Vorbild vorangehen soll. Dem dienen Informationskampagnen,
Energiestandards für Gebäude, Unterstützungen und die Förderung
von neuen Energie-Dienstleistungsunternehmen. Im Industrieland
Oberösterreich sei es außerdem sehr wichtig, das enorme Potential
an industrieller Abwärme zu nutzen.

Besondere Bedeutung misst Landesrat Anschober dem
Energiesparprogramm für die Gemeinden zu. Es zielt auf deren
Energieautarkie und zugleich auf viele neue Arbeitsplätze. An
Hand eines Pilotprojekts erläuterte Anschober die Möglichkeiten
beim Einsatz der Passivhaustechnik im öffentlichen Bereich und
rechnete vor, dass die thermische Sanierung eines Schulgebäudes
aus den sechziger Jahren die jährlichen Energiekosten um bis zu
95 % senken lasse. Die diesbezügliche Investition amortisiere
sich in vier bis fünf Jahren. Angesichts von 200.000 solcher
Gebäude in Oberösterreich sieht Anschober ein riesiges Potential
für die Verbesserung der Energieeffizienz im Bereich Raumwärme.

Landesrat Anschober ging auf Detailfragen der Konferenzteilnehmer
zum System steuerlicher Investitionsförderungen ein und
unterstrich die Bedeutung der Entwicklung energieeffizienter
Technologien und des Know-how in der Wirtschaft sowie der
Förderung des Marketings von Unternehmen, die Umwelttechnologien
international anbieten. Die Wachstumsrate der 150 Unternehmen
umfassenden Branche liege derzeit zwischen 20 und 30 %. Weiters
informierte Rudolf Anschober über die Umrüstungsförderung beim
Umstieg von fossilen Heizungssystemen auf Heizungen mit
erneuerbaren Energieträgern und betonte, dass die Anstrengungen
zur Erhöhung der Energieeffizienz nicht nur der Umwelt, sondern
auch der Versorgungssicherheit, der Preisstabilität und der
Wettbewerbsfähigkeit dienen. Beim Einsatz der Biomasse für
Heizzwecke nütze Oberösterreich erst 50 % des jährlichen
Nachwuchses. Bedenken hinsichtlich der Emissionen von
Holzheizungen zerstreute der oberösterreichische Landesrat mit
dem Hinweis auf die neuen technischen Standards.

Abgeordneter Erwin Hornek (Österreich) berichtete über die
erfolgreiche Umsetzung eines Energiekonzepts seiner Waldviertler
Heimatgemeinde, der es durch Informationsveranstaltungen schon
vor 15 Jahren gelang, die Bevölkerung für Investitionen in
Solaranlagen und Biomasseheizungen zu gewinnen - nun bleibe Geld
in der Region, das früher für Öl und Strom ausgegeben werden
musste.

Umweltminister Josef Pröll informierte die Konferenzteilnehmer
über das Projekt der Biogaseinleitung in Erdgasleitungen sowie
über 50.000 mit Gas betriebene Automobile bis 2010 in Österreich.

Landesrat Anschober machte darauf aufmerksam, dass Biogas auch in
der Kunststofferzeugung fossile Rohstoffe ersetzen könne, und
plädierte für ein Biogas-Einspeisgesetz.

Die Frage einer Vertreterin Finnlands nach der Gefahr eines
Pelletsmangels in Österreich sah Landesrat Anschober nicht. Der
Markt entwickle sich sehr rasch, die Versorgungs- und
Preisstabilität sei aber gegeben. In Oberösterreich habe der
Pellets-Preis in den letzten sieben Jahren lediglich um 3 %
zugenommen.

Minister Pröll: Mehr Europa in der Umweltpolitik

Umweltminister Josef Pröll ortete beim Thema Energieeffizienz
Aufbruchstimmung in den österreichischen Regionen und in Wien.
Dies sei wichtig, um die Klimaschutzziele zu erreichen, sagte
Pröll. Auch für ihn stelle die Energiebewirtschaftung eine
zentrale Frage von ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer
Dimension dar. Es müsse gelingen, bei gleich bleibendem Komfort
und gleich bleibenden Dienstleistungen mit weniger Energieeinsatz
auszukommen, denn für den Zeitraum bis 2030 werde ein
Energieverbrauchszuwachs von 20 % und ein Stromverbrauchszuwachs
von 45 % prognostiziert. In den neunziger Jahren sei es gelungen,
die Energieeffizienz um 1,4 % zu steigern, derzeit liege die
Effizienzquote bei 0,5 % jährlich. Dies veranlasste den
Umweltminister zum Appell an alle Verantwortlichen, ihre
Anstrengungen zu erhöhen.

Als ein besonderes Problem nannte Pröll den Verkehrssektor, der
nicht nur wegen des hohen Energieverbrauchs, sondern auch wegen
der Luftschadstoffe und der Lärmemissionen ein spezielles
Umweltproblem darstelle. Daher wird der Biodiesel- und
Ethanolanteil an den Kraftstoffen bis 2008 auf 5,75 % gesteigert
und auch für die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die
Schiene seien die Weichen gestellt. In den Dörfern sollen
Biomassekraftwerke nicht nur die Energieeffizienz erhöhen,
sondern auch das Emissionsproblem lösen. Der Wärmedämmung werde
im Neubau und bei der Sanierung von Althäusern großes Augenmerk
geschenkt. Dabei unterstrich der Umweltminister, wie wichtig es
sei, Professionisten zu fördern, die ihre Kunden auf praktikable
Energiealternativen aufmerksam machen können.

In der Diskussion wies Umweltminister Pröll darauf hin, dass
ökologische Vorgaben in der Umweltpolitik die Innovation in der
Wirtschaft fördern und Arbeitsplätze schaffen. Abgeordneter
Brigid Weinzinger (Österreich) gab der Minister darin recht, dass
auf EU-Ebene mehr Geld in die Förderung erneuerbarer
Energieträger statt in die Atomkraft investiert werden sollte.

Pentti Tiusanen (Finnland) brachte, wie auch der Vertreter
Großbritanniens, Patrick Hall, Probleme mit den Emissionen des
Flugverkehrs zur Sprache und wies darauf hin, dass die
Biodieselproduktion in Schwellenländern zu Problemen mit der
Biodiversität führe. Umweltminister Josef Pröll informierte
darüber, dass die EU das Problem der Flugverkehrsemissionen durch
den Emissionshandel lösen wolle. Bei der Beimischung von
Biokraftstoffen laute in der EU die Auflage, dass der
beigemischte Treibstoff unter EU-Bedingungen produziert sein
soll; diese Auflage müsse aber noch die WTO passieren. Es gehe
jedenfalls darum, ökologisches Dumping bei der Förderung
erneuerbarer Energieträger zu vermeiden.

Auf weitere Fragen von Martine Stein-Mergen (Luxemburg), Boris
Van der Ham (Niederlande) und Christina Axelsson (Schweden)
betonte Umweltminister Pröll die Notwendigkeit der Unterstützung
von Professionisten im Bereich energiesparender Technologien und
zeigte sich erfreut darüber, dass der Einsatz erneuerbarer
Energieträger zunehmend nicht mehr nur als ein ökologisches,
sondern auch als ein wirtschaftliches und soziales Projekt
betrachtet werde.

Mit Tschechien pflege Österreich eine intensive
Energiepartnerschaft, sagte Pröll. Österreich wolle dem Nachbarn
zeigen, dass es Alternativen zur Atomenergie gebe.

Hinsichtlich der Entwicklung des Pelletsmarktes sprach sich der
Umweltminister für eine Potentialabschätzung aus, um Engpässe in
der Versorgung zu vermeiden, weil dies der Öllobby in die Hände
spielen würde. Investitionen in den Ausbau von Fotovoltaik-
Anlagen in den sonnenreichen Maghrebländern bezeichnete der
Umweltminister als wichtig.

Abschließend sprach Minister Pröll sein Bedauern darüber aus,
dass die Umweltpolitik in der EU, wenn man etwa den Vergleich zur
Agrarpolitik heranzieht, noch einen weiten Weg der Entwicklung
vor sich habe. Daher sei die Verantwortung der einzelnen
Mitgliedsländer in der Umweltpolitik sehr hoch. Das Ziel müsse
aber lauten: Mehr Europa in der Umweltpolitik.

Nilsson: Nischenmärkte könnten als Trendsetter fungieren

Als Experte referierte Hans Nilsson, Vorsitzender des Demand-
Side-Management-Programms (DSM) der Internationalen
Energieagentur, darüber, mit welchen Maßnahmen die Nachfrage nach
energieeffizienten Produkten erhöht werden könne. Dabei wies er
auf das Problem hin, dass Energieeffizienz etwas sei, "das wir
nicht sehen". Energieeffizienz sei kein Produkt, sondern die
Eigenschaft eines Produkts und damit nur ein Merkmal unter
vielen, skizzierte er. Konsumenten würden über diese spezielle
Eigenschaft oft gar nicht nachdenken. Es reiche daher nicht, so
Nilsson, ausschließlich das technische Potenzial zu steigern,
noch wichtiger sei es, die Akzeptanz für energieeffiziente
Produkte zu erhöhen.

Dabei sei es notwendig, alle am Kaufprozess Beteiligten
einzubeziehen, erklärte Nilsson, sei es den Erzeuger, den
Großhändler, den Kleinhändler oder den Konsumenten. Nur wenn alle
zusammenarbeiteten und dem Merkmal Energieeffizienz eine
entsprechende Bedeutung beimessen, würden auch tatsächlich
energieeffizientere Güter produziert.

Nach Meinung Nilssons gibt es zwar große Erfolge bei der
Verbesserung der Energieeffizienz in den letzten 30 Jahren. So
würde man heute rund 50 % mehr Energie benötigen, hätte man in
diesem Zeitraum keine energiesparenden Maßnahmen - etwa bei
Produkten, in der Bauwirtschaft, in der Industrie und im
Transport - gesetzt und nach wie vor die gleiche Energieeffizienz
wie zu Beginn der siebziger Jahre. Dennoch könnte seiner
Auffassung nach Energie noch viel effizienter genutzt werden.

Erfolg lässt sich Nilsson zufolge nicht nur an steigenden
Produktionszahlen messen, ein entscheidendes Kriterium ist auch
die Marktdurchdringung. So habe sich bei der Einführung von
Energiesparlampen gezeigt, dass es eine ausgesprochen lange
Zeitspanne benötige, um den Sättigungsgrad des Marktes zu
erreichen.

Besonders bedeutsam für die Entwicklung politischer Strategien
ist für Nilsson die Tatsache, dass sich Kosten und Preise bei
steigender Produktionszahl eines Produkts verringern.
Beispielsweise liegt die "Lernrate" bei Photovoltaik ihm zufolge
bei 20 %, was bedeutet, dass sich der Preis des Produkts bei
jeder Verdoppelung des Marktes um 20 % verringert. Hier könne die
Politik mit Förderungen entsprechend eingreifen, bis der Markt
entsprechend groß sei, um sich selber zu tragen, betonte er.

Wichtig ist es Nilsson zufolge, jemanden zu finden, der in das
"Lernen" investiert, also am Beginn einer Produktentwicklung
höhere Marktpreise in Kauf nimmt oder diese auch durch
Förderungen senkt. Das könnten Regierungen sein, aber auch
Nischenmärkte, die als Trendsetter fungieren. Habe sich dann ein
Produkt einmal etabliert, könnte es auch für die breite Masse
attraktiv sein. Nilsson rechnete vor, dass, würde ganz Indien mit
Solarenergie versorgt, wozu es 38 mal 38 km Fläche für
Solaranlagen bräuchte, die Kosten für die Errichtung von
Photovoltaikanlagen von derzeit drei Dollar pro Watt auf unter
ein Dollar pro Watt gesenkt würden.

Die Politik sieht Nilsson insofern gefordert, als es seiner
Ansicht nach stets ein ganzes Maßnahmenpaket braucht, um
energieeffiziente Produkte zu forcieren. Steuerliche Maßnahmen
würden zwar helfen, allein aber nicht ausreichen, bekräftigte er.
Für wichtig erachtet Nilsson in diesem Zusammenhang auch die
Teilnahme an globalen Rahmenprogrammen für Forschung und
Entwicklung. Lernen finde global statt, unterstrich er, auch wenn
die Anwendung dann auf lokaler Ebene erfolge.

Am DSM-Programm der Internationalen Energieagentur, das bereits
1993 gestartet wurde, nehmen laut Nilsson derzeit 17 Länder teil.
Aber auch in Ländern wie China oder Russland spielt ihm zufolge
Energieeffizienz eine immer stärkere Rolle. China habe, so
Nilsson, Ende 2004 einen Energieeffizienzplan eingeführt, in
dessem Rahmen es von einer Vervierfachung der Wirtschaftsleistung
bis zum Jahr 2020 ausgeht, in dieser Zeitspanne aber nur eine
Verdoppelung des Energieverbrauchs erlaubt.

Auf Fragen seitens der Abgeordneten hielt Nilsson u.a. fest, der
Internationalen Energieagentur gehe es vor allem darum, den Markt
zu ändern. Konkrete Empfehlungen hält er erst nach einer genauen
Analyse des jeweiligen Problems für möglich. Er wies aber
nochmals auf die Bedeutung von Nischenmärkten hin, mit deren
Hilfe es gelingen könne, ein Produkt so weit zu etablieren, dass
die breite Masse von selber folge. (Fortsetzung Konferenz)

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