"Kleine Zeitung" Kommentar: "Blau-oranges Kellerderby" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 11.06.2006

Graz (OTS) - Wahlkämpfe sind nicht das Salz der Demokratie. Sie würzen die Demokratie nicht, sie machen sie vorübergehend unbekömmlich. Der Wettstreit der besten Ideen für das Gemeinwohl:
Schönschreibe. Sonst würden die Parteien die schalldichten Orte, an denen sie ihre Entscheidungen treffen, nicht "war rooms", Kriegszimmer, nennen. Wahlkampf ist, wenn Dossiers angelegt und Schwächen bloßgelegt werden. Schmutziges Kampagnisieren nennen es die Politologen.

Es ist nicht bekannt, dass irgendeine Partei sich darauf nicht verstünde. So hat die ÖVP Alfred Gusenbauer wegen dessen Osterurlaub in Spanien als Genusssüchtigen herabgewürdigt. Aus dem inneren Kreis der SPÖ wiederum tauchte im Wahlkampf 2002 ein Papier auf, auf dem der Frontalangriff gegen Karl-Heinz Grasser befehligt wurde. Er lag zu gut.

Vom Schmutz der vergangenen Jahre kann auch Jörg Haider erzählen. Zugespieltes Material waren die Munition, von der er in den Neunzigern gut und gern lebte. Da wurde nicht nur aufgedeckt, da wurde auch bloßgestellt und denunziert.

Jetzt findet sich Haider selbst in der Rolle des Bespitzelten wieder. Nach seinen verwundbaren Stellen haben die Parteien, als sein Aufstieg endlos schien, immer wieder getrachtet. Mitunter wurde in abgedunkelte Winkel seiner Privatsphäre hineingeleuchtet und mit Gerüchten operiert.

Die Beauftragung einer Detektei zur Bekämpfung des Gegners ist qualitativ etwas Neues. So tief hinunter in den Keller wie die Kärntner Schnüfflerburschen von der Alt-FPÖ wagte sich bisher noch keiner. Gelernt ist gelernt. Die Unerbittlichkeit lässt erahnen, was für die beiden verfeindeten Splitterparteien, die in den letzten sechs Jahren von der zweitstärksten Kraft zur Restgröße verkamen, auf dem Spiel steht. FPÖ gegen BZÖ, das ist das finale Keller-Derby um die Repräsentanz des Dritten Lagers. Das Bündnis Zukunft, ein Kunstprodukt ohne Identität, schien schon Vergangenheit. Mit Peter Westenthaler dürfte zumindest das parlamentarische Überleben gesichert sein. Er ist die taktische Replik auf Heinz-Christian Strache: Westenthaler kann nationale Kernschichten ansprechen, er bedient dieselben Ressentiments, verkauft sich aber als das zivilisierte Antlitz der Blauen.

Wenn Westenthaler die Freiheitlichen in der Opposition tatsächlich einen will, muss er Strache in der Herbst-Wahl schlagen. Einen kann nur der Stärkere. Das verheißt Ungemach für den Wahlkampf: An seiner Nebenfront tritt das Rustikale gegen das Vulgäre an, das Derbe gegen das Demagogische. Der Schlamm aus Kärnten war erst der Beginn. ****

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