"Presse"-Kommentar: Gegengift (von Norbert Mayer)

Ausgabe vom 10. Juni 2006

Wien (OTS) - Gerechtigkeit für Costa Rica
Schreiben ist meist eine schöne Beschäftigung. Man ordnet das Geschehene oder spekuliert über nicht Überprüfbares. Heute aber fühle ich mich bleischwer wie die österreichische Nationalmannschaft vor einem Auswärtsspiel gegen Färöer. Es ist Freitag kurz vor 18 Uhr. Jede potenzielle Führungskraft der Welt _ es dürften so an die drei Milliarden Männer sein _ sitzt umringt von Freunden vor einem völkerverbindenden TV-Bildschirm und nimmt Erfrischungen zu sich. Nur ich befinde mich gottverlassen an meinem Arbeitsplatz und versuche, mir krampfhaft auszurechnen, was der Begriff "Costa Rica" bedeutet. Nicht einmal die Pförtnerin kann helfen, in ihrer Loge ist es lange schon finster.
Costa Rica. Klingt irgendwie Bayrisch. "Porras, Umana, Wanchope", sage ich ein Mantra und versuche, beschwörend wie Heinz Prüller in Hockenheim zu klingen. Doch die Eingebung bleibt aus. Während Sie, geschätzter Leser, vernachlässigte Leserin, längst wissen, dass Deutschland, sagen wir, mit 3:0 gegen Costa Rica gewonnen hat, während sogar der ballsichere Günter Netzer inzwischen rhetorisch untermauert, dass seine Match-Kommentierung korrekt auf ein, sagen wir, 1:1 hingesteuert hat, tappe ich an diesem für sie längst abgefeierten Freitag um 17:55 Uhr völlig im Dunkeln. Ich weiß noch nicht einmal, ob die soeben eingeblendete Aufstellung haltbar sein wird.
Es ist zwar nur ein Gefühl, aber ich versuche, mir auszurechnen, wie Sie beim Frühstück an diesem Samstagmorgen, ehe Sie zur eingehenden Lektüre des "Spectrum" übergehen, auf meine Behauptung reagieren: "Deutschland hat gegen Costa Rica durch ein Tor von Fonseca Danny in der 55. Minute 0:1 verloren. Das war vorhersehbar, es ist auch gerecht und gut für den Weltfußball an sich."
Zwei Begründungen gibt es für den misslungenen WM-Auftakt des Gastgeberlandes. Den realen: Ballack. Verletzt. Ohne den geht es nicht. Die raffinierte prognostische: Nur wenn Deutschland das erste Spiel verliert, hat es überhaupt Chancen, ins Achtelfinale zu kommen. Denn der Deutsche neigt in noch größerem Maße als der Österreicher zu Übermut und Selbstüberschätzung. Nur wenn sie also gegen Costa Rica verloren haben werden, bleibt die Chance intakt, dass sich die Deutschen aufraffen, gegen Teams wie Polen und Ecuador zu gewinnen. Technisch völlig unbegabt, zählen die Deutschen zu den schlampigsten Fußballern mit Weltniveau. Sie sind die Österreicher unter den Weltmeistern. Von der Eleganz der Italiener, der Betriebsamkeit der Brasilianer, dem Elan der Engländer oder gar der Souveränität der Argentinier sind die Deutschen so weit entfernt wie vom Sieg im Song Contest. Die Niederlage wird also ein heilsamer Schock gewesen sein. Und falls sie doch gewonnen haben? Ich habe sie gewarnt.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001