Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Sport ist gesund - für wen?

Wien (OTS) - Einen Monat lang kann man nun die Hälfte der Menschheit abschreiben - zumindest in Europa, Lateinamerika und Afrika. Wenn das Hochamt des Fußballs abrollt, können getrost Großbanken kollabieren, Börsekurse abstürzen oder ein Peter Pilz wie in seiner Jugend zum Krieg gegen Amerika aufrufen. Wirklich erregen werden nur unerwartete Spielergebnisse, seltsame Schiedsrichterentscheidungen und der wichtigste Mitspieler auf jedem Fußballfeld: nämlich der Zufall.

Dieser macht ja zusammen mit ein paar Ingredienzien Fußball wirklich zur faszinierenden Show: der direkte körperliche Kampf; erlaubte und unerlaubte Tricks; kühle Strategien; und das Eingreifen einer ordnenden, wenn auch manchmal irrenden Macht. Lasset uns diese Show genießen.

Fußball ist aber mehr: In der öligen Rhetorik der Funktionäre und Politiker wird er zum Instrument der Völkerverständigung. Im öligen Gelalle vieler Fans wird er zum nationalen Ersatzkrieg, der aus alkoholisierten Männern oft das Übelste herausholt, was in ihnen steckt. Die Folgen finden sich in Spitälern oder Anklageschriften.

Vor allem aber ist Fußball ein großes Geschäft. Das jedem gegönnt sei - solange er sich nur an den freiwillig Zahlenden bereichert. Völlig unverständlich ist aber, warum der Steuerzahler den Veranstaltern einer Megashow Milliarden zukommen lassen muss. Für Stadien (die nachher oft zu groß sind) oder für gewaltige Sicherheitsmaßnahmen, um tobende Hooligans im Zaum zu halten.

Niemand möge versuchen, uns einzureden, dass die Umsätze der Wirtschaft das alles wieder hereinbringen. Denn während Brauereien oder TV-Erzeuger cashen, ist die WM für Kinos, Theater, Heurige, Buchhandlungen oder Arbeitsproduktivität eher eine Katastrophe. Und dem Breitensport dienen die Steuer- und Lotto-Millionen schon gar nicht. Denn es wird beispielsweise immer schwieriger, für Halbwüchsige, die "nur" zum Spaß spielen wollen, einen geeigneten Platz zu finden. Oder wer in Wien "nur" der Gesundheit wegen laufen will, wird fast überall von Hunden angesprungen, "die ja nur spielen wollen". Weil der Bürgermeister, statt für Ordnung zu sorgen (was billig wäre) oder selbst zu laufen (was anstrengend wäre), seit Jahren in Nachdenkpausen versunken ist.

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