"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Anpfiff zum großen Ablenken" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 10.06.2006

Wien (OTS) - Deutsche Politiker kleben wie kleine Buben im
Parlament vor laufender Kamera Pannini-Bildchen ins Sammelbuch. Weltkonzerne jubeln über Absatzrekorde, wie sie sonst nur vor Weihnachten üblich sind. Vor den Fernsehapparaten hat sich gestern in 200 Ländern weit mehr als eine Milliarde Menschen versammelt und das Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Costa Rica angesehen.
So gut wie jeder Mensch in allen auch nur halbwegs zivilisierten Teilen dieser Erde weiß, wovon hier die Rede ist: Von der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Kein Wunder: Seit Wochen reden, schreiben, hören wir von nichts anderem. In fast jedem Gespräch geht es irgendwann um Fußball.
Politische, berufliche und private Termine werden vier Wochen lang daran ausgerichtet, wann in deutschen Stadien 22 Männer dem Ball nachlaufen. Die Zugbegleiter in den Fernzügen der ÖBB bekommen die Zwischenstände der Spiele per SMS auf ihre Handys und sind angewiesen, die Information per Lautsprecherdurchsage den Fahrgästen mitzuteilen.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vergleicht sich in einer Talkshow mit dem deutschen Mannschaftskapitän Michael Ballak, um ihre Führungsrolle zu demonstrieren. Selbst Wolfgang Schüssel - immerhin selbst ambitionierter Hobbykicker - ist sich nicht zu schade, in einem Klatschmagazin zwischen Arabella Kiesbauer und Lisi Polster ein "WM-Tagebuch" abzusondern.
Politische Probleme wie beispielsweise der eher triste Zustand der deutschen Koalitionsregierung sind hingegen vier Wochen lang vergessen oder werden zumindest verdrängt. Identität, Selbstbewusstsein und die wirtschaftliche Zukunft großer Nationen hängen vom Ausgang der Spiele ab. Sollte Deutschland bei der WM passabel abschneiden, könnte das einen Wachstumsschub auslösen und ganz Europa aus der Lethargie reißen.
A propos Finanzen: Der geschätzte Marktwert der insgesamt 23 Mitglieder des brasilianischen Nationalteams beträgt mehr als 400 Millionen Euro - um rund die Hälfte mehr als alle AUA-Aktien an der Wiener Börse wert sind. Und da bekanntlich Geld die Welt regiert, kann der Weltfußballverband FIFA stolz auf 207 Mitglieder verweisen. Die UNO kommt nur auf 191. Was die FIFA anordnet, geschieht; von der UNO kann man das nicht behaupten.
Man mag über diese Phänomene lächeln. Neu sind sie nicht: Brot und Spiele war schon unter vor 2000 Jahren im römischen Imperium ein erprobtes Rezept, um von den wirklichen Problemen abzulenken. Pessimistisch könnte man sagen: Je größer die Sorgen sind, desto lieber flüchten wir in die Scheinwelt der Fußballstadien. Zuversichtlicher wäre die Erklärung, dass wir in Europa zum Glück keine wirklich existentiellen Probleme zu bewältigen haben und uns daher sorglos dem Sammeln von Fußballerbildchen, dem Einlagern von Biervorräten und der Beobachtung der Spiele auf dem gerade gekauften Flachbildschirm widmen können.
Sicher ist nur eines: Die Politik macht Pause in den nächsten vier Wochen. Was immer auch passieren mag, wird nur kurz für Aufregung sorgen und bald im Trubel der WM-Ereignisse untergehen.
So eigenartig manche Auswüchse der WM-Hysterie auch sind: Die politischen Skurrilitäten stehen ihnen kaum nach.
Blau und Orange erregen sich über eine angebliche Spitzelaffäre; die Nachbesetzung des Vizekanzler-Postens mit einem mediengeilen Bin-wieder-da-Parteichef wird ernsthaft in Erwägung gezogen; das BZÖ droht, im Ministerrat die vom Verfassungsgerichtshof geforderte Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln zu blockieren; Ex-Generaldirektoren verzeiht man eher verlustreiche Milliardenspekulationen als die Abfertigung von Pensionsansprüchen. Verglichen damit kann man nur sagen: Wir haben uns diese WM und alle damit zusammenhängenden Skurrilitäten redlich verdient.

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