Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

ORF: Der Reformbedarf

Wien (OTS) - Paul Schulmeister, einst bürgerlicher ORF-Mann, beklagt in der "Zeit" den Zustand des ORF. Zu 90 Prozent ist ihm zuzustimmen - allerdings kann er nicht klarmachen, was nicht etwa auch schon unter den Generälen Zeiler und Weis beklagenswert gewesen ist. Die vermissten Formate Club 2, Stadtgespräche, Ohne Maulkorb sind alle schon vor der jetzigen ORF-Führung verschwunden - wobei wir gar nicht fragen wollen, ob sie wirklich so sensationell waren oder uns nur im nostalgischen Rückblick so vorkommen. Wie halt für jede ältere Generation früher immer alles viel besser war.

Daher muss sich auch Schulmeister die Frage gefallen lassen, warum er mit seinen Klagen gerade jetzt öffentlich auftritt und sich damit von einer rein wahltaktischen Initiative vereinnahmen lässt.

Wie auch immer: Die Debatte über den ORF sollte viel präziser geführt werden, als es dessen Führung oder die leicht durchschaubare SOS-Initiative tun. Sie sollte von der Schaffung konkreter Institutionen zur unabhängigen Überprüfung der Einhaltung des öffentlich-rechtlichen Auftrags bis zur Durchforstung all der Aufgaben gehen, die nicht lebensnotwendig für einen von Pflichtbeiträgen lebenden Rundfunk sind. FM4 etwa wird ja nur gehalten, damit kein Privater die Frequenz bekommt.

Es muss aber auch ums konkrete Programm gehen: Warum wird die unsägliche Publikumsdiskussion am Sonntag Abend nicht sofort wieder abgesetzt? Warum werden nur in Deutschland wertkonservative oder wirtschaftsliberale Grundsatzfragen debattiert (und das mit Niveau wie Spannung)? Warum ist jede ZiB 1 und jedes Journal mit oft langweiligen und Seher wie Hörer vertreibenden Kulturbeiträgen belastet, selbst wenn es aktuelle Sensationen gibt? Warum verliert man schon auf Grund der knappen Sendezeit jede außenpolitische Kompetenz? Warum befasst sich die ZiB so gerne mit flachen Konsumenten- und provinziellen Themen? Warum finden sich seit den Herrn Broukal und Mayer keine starken Anchormen mehr für die wichtigste TV-Sendung? Warum findet sich seit Hugo Portisch niemand, der mit Kompetenz internationale Themen kommentieren kann?
All diese Mängel gibt es seit vielen Jahren. Durch parteipolitisch motivierte SOS-Rufe werden sie aber gewiss nicht beseitigt.

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