Man brüllt Deutsch

Der politische Wochen-End-Kommentar: von Univ.-Prof. Dr. Günther Burkert-Dottolo

Wien (OTS) - Dumpfe Töne eilen der Fußball-WM in Deutschland voraus. Werden deutsche Städte dem Kampf der (Un-)Kulturen zum Opfer fallen? Was werden wohl die (rechten) Fußball-Fans der medialen Weltöffentlichkeit entgegenbrüllen? Die deutsche Sprache bereitet manchen nicht nur in Zusammenhang mit der Fußball-WM Sorgen.

Der Untergang des Deutschen wird von vielen beschworen, die sich über Anglizismen ereifern. Manche Prognosen gehen gar davon aus, dass die deutsche Sprache in 200 Jahren ausgestorben sein wird. Da hilft es wenig, wenn man darauf hinweist, dass auch das Englische zahlreiche deutsche Lehnwörter kennt und im Jubeljahr Freuds besonders intensiv das nie übersetzte Schlüsselwort "Angst" verwendet.

Interessanter ist da ein Phänomen, das in den USA auftritt und anscheinend auch eine Reaktion auf die zunehmend spanischer werdende Medienwelt ist: der Zeitgeist spricht nämlich Deutsch. Dies ist keine Spätfolge der Petition, die 1794 einige deutsche Einwanderer an das Repräsentantenhaus richteten: Gesetzestexte sollten künftig auch auf Deutsch veröffentlich werden. Der Antrag wurde übrigens nur knapp -mit 42 zu 41 Stimmen - abgelehnt. Es ist ein Charakteristikum oder vielleicht sogar ein Code der amerikanischen Bildungsbürger, wenn sie der Tradition der Dichter und Denker ihre Reverenz erweisen:
"Weltanschauung", "Bildungsroman" und "Leitmotif" werden etwa unübersetzt in der New York Times immer wieder verwendet.

Die Zeitung der Ostküsten-Intellektuellen titelte zuletzt mit:
"Where is the Fingerspitzengefuhl?" und stellte ganz lapidar fest:
"The zeitgeist is right now". Aber auch die amerikanische Alltagswelt hält deutsche Wörter bereit: Neben dem Zeitungsstand verkauft jemand "Pretzel" (Brezel) im "Deli" an der Ecke (das seinen Ursprung im deutschen Wort "Delikatessen" hat). Sollte jemand an den "urcoolen" Wortgeschöpfen seiner Kinder verzweifeln, dann können ihm oder ihr die USA weiteren Trost spenden. Dort erlebt das Präfix "über" einen besonderen Hype. Schüler mit schweren Rucksäcken werden "Überpackers" genannt. Mit "Überkitsch" werden lebensgroße Krippen bezeichnet, die sich viele Amerikaner zur Weihnachtszeit in den Vorgarten stellen.

Fazit: Europäischen Amerikanismen stehen zunehmend amerikanische Germanismen gegenüber. Wenn das nur die vielen deutschen Sprachkonservatoren wüssten.

In diesem Sinn: Wer bei der Fußball-WM deutsch brüllt, muss damit rechnen, auch weltweit verstanden zu werden. Unabhängig von der verwendeten Sprache gilt freilich: Bei der WM gebietet es das -hoppla, ein Anglizismus! - Fairness-Prinzip, die eigene Mannschaft anzufeuern und nicht den Gegner schlecht zu machen.

Rückfragen & Kontakt:

Politische Akademie der ÖVP
Tel.: 01/814 20 DW 76
www.modernpolitics.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PAO0001