"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Mullahs haben die Wahl: Mit der Welt oder gegen sie" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 03.06.2006

Graz (OTS) - Die Außenminister von Deutschland und den fünf Vetomächten im UNO-Sicherheitsrat haben bei ihrem Treffen in Wien zwar Stillschweigen vereinbart, aber so viel ist bekannt: Der Iran soll mit viel Zuckerbrot, aber auch mit der Androhung von Peitsche dazu gebracht werden, sein Programm der Uran-Anreicherung zu stoppen. Bis Mitte Juli will man den Mullahs Zeit geben, sich zu entscheiden.

Die ersten Reaktionen aus Teheran sind ernüchternd. Man denke nicht daran, die Uran-Anreicherung auszusetzen, heißt es da. Bestenfalls eine "Garantie, die Kernenergie friedlich zu nutzen", sei man bereit abzugeben. Und der iranische Ölminister tut vollmundig kund, dass man mit den USA "nie und nimmer" direkt verhandeln werde. Aber auch im Mullah-Staat wird nichts so heiß gegessen, wie es im anti-amerikanischen Überschwang oft gekocht wird.

Faktum ist: Trotz aller Kooperationsverträge mit Russland und China bleibt der Iran auf westliche Technologie angewiesen. Denn die wirtschaftliche Situation ist schlecht, obwohl die Staatskasse dank des explodierenden Ölpreises gut gefüllt ist. Aber ohne Devisen und Produkte aus Europa und Amerika geht im Mullah-Staat nicht viel weiter. Sogar Benzin muss das Ölland importieren, weil es das an sich so reichlich vorhandene "Schwarze Gold" mangels Raffinerien selbst nur begrenzt veredeln kann.

Es wäre also auch aus iranischer Sicht sinnvoll und notwendig, den Atomstreit am Verhandlungstisch aus der Welt zu schaffen. Doch jedes Gespräch setzt den Willen voraus, dass beide Seiten kompromissbereit und berechenbar sind. Und genau diese Eigenschaften fehlen dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad. Er strebt nach der Atombombe, möchte Israel vernichten, beansprucht eine iranische Führungsrolle in der islamischen Welt und will, dass sein Land in gleicher Augenhöhe mit den Atommächten Pakistan und Indien steht.

Auch wird sich dieser Mann, der vermutlich aktiv an der Besetzung der US-Botschaft in Teheran vor 27 Jahren beteiligt war, schwer mit dem Gedanken tun, ausgerechnet unter seiner Präsidentschaft könnten die Beziehungen zum Erzfeind Amerika normalisiert werden.

Andererseits: Schlägt der Iran das überraschende Angebot von George Bush zu direkten Verhandlungen aus und weigert er sich in der Frage der Uran-Anreicherung, ein wenig nachzugeben, riskiert er die politische und wirtschaftliche Isolation.

Die Mullahs haben jetzt die Wahl: mit der Weltgemeinschaft oder gegen sie.****

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