DER STANDARD-KOMMENTAR "Die Teheran-Dompteure" von Markus Bernath

Ausgabe vom 3./4./5. Juni 2006

Wien (OTS) - Die Führung der Islamischen Republik Iran, so mag man aus den diplomatischen Anstrengungen der Sicherheitsratsmitglieder in den vergangenen Tagen lesen, ist ein Haufen müder Zirkuslöwen, die durch einen Ring springen sollen. Die Dompteure - dass es nicht einer ist, macht die Sache schon von Anbeginn schwierig - lassen die Peitsche schnalzen und wedeln mit einem Zuckerl. Ist der Löwe gescheit, ignoriert er besser auch diese Inkonsequenz und entscheidet selbst: für seinen Trotz gegen den Dompteur, und dann bleibt er sitzen; oder für das "Zuckerbrot", und dann muss er springen.

Dass die Atomdiplomatie im Fall des Iran nicht ganz so abläuft wie unter dem Zirkuszelt, ist klar. Staaten sind rationale Akteure, "kalte Monster" eben, die kalkulieren und ihr Interesse abwägen, moralische Bedenken fallen lassen, wenn sie die Rechnung komplizieren könnten, und "nationale" Gründe ersinnen, um ihr Handeln schönzureden. Teheran wird "springen" und die Anreicherung von Uran aussetzen, wenn die politische Führung versteht, dass Sanktionen des UN-Sicherheitsrats oder - was wahrscheinlicher ist - politischer und militärischer Druck einer Koalition von Staaten unter Führung Washingtons ein zu großer langfristiger Nachteil für die Islamische Republik sind. Das "Zuckerbrot" dagegen, die wirtschaftlichen Anreize und technischen Hilfen des Westens, kann die Führung in Teheran durchaus vergessen. Der drittgrößte Ölproduzent der Welt ist in der Lage, sich sein "Zuckerbrot" selbst zu verdienen, und hat genug Freunde und Kunden, die ihn unterstützen.

Ob das die sechs Außenminister, die sich diese Woche in Wien zu einem diplomatischen Kraftakt in der Irankrise aufrafften, verstanden haben? Dass der Löwe nicht wegen des "Zuckerbrots" springen wird und das alte Spiel von Drohen und Locken durchschaut? Man möchte es hoffen. Man kann sogar mit gutem Grund annehmen, dass Condoleezza Rice, die amerikanische Außenministerin, den Atomstreit mit dem Iran bis zu einem bitteren Ende durchgerechnet hat. Das erklärt die sehr weit gehende und rasche Kurskorrektur der US-Regierung gegenüber Teheran in den vergangenen Tagen: das Angebot zu direkten Gesprächen mit der iranischen Führung nach 27 Jahren Eiszeit; die Bereitschaft, an multilateralen Verhandlungen mit dem Iran teilzunehmen nach dem -zugegebenermaßen bisher wenig Erfolg versprechenden - Vorbild der Sechsparteiengespräche im Nordkoreakonflikt; das Angebot zur wirtschaftlichen Kooperation nach Jahrzehnten der Sanktionen.

Weil die Chancen hoch sind, dass der Löwe nicht springt, will der Dompteur wenigstens gut aussehen. Washington hat zumindest seinen guten Willen gezeigt und muss sich nicht länger den Vorwurf gefallen lassen, einen Ausweg aus der Irankrise blockiert zu haben.

Drei Optionen sind für die nächsten Wochen vorstellbar. Teheran könnte - verklausuliert vielleicht und nach langer Denkpause - das Angebot der fünf UN-Vetomächte und Deutschlands annehmen. Die iranischen Führer könnten es in Bausch und Bogen ablehnen oder aber:
Sie sagen zu, gewinnen Zeit und brechen doch nur später wieder die Abmachungen, ganz so wie es Nordkorea nach dem vereinbarten Rahmenabkommen von 1994 tat. Es ist in Wirklichkeit die Schwäche der Dompteure, die Teheran weiterhin Spielraum im Atomstreit lässt. Russland und China werden nur unwillig Sanktionen gegen den Iran mittragen und gegen militärische Drohungen opponieren. Gut möglich, dass am Ende nur die Krisendiplomaten im Sicherheitsrat durch die Ringe springen.

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