Gusis Guru

Das Dilemma der SPÖ-Berater - Der politische Wochen-End-Kommentar von Univ. Prof. Dr. Günther Burkert-Dottolo

Wien (OTS) - Auch wenn die Regierung - entgegen aller Erwartungshaltung - noch ein Projekt nach dem anderen angeht, ist der Wahlkampf bereits in aller Munde. Die internationalen Wahlkampf-Gurus fliegen tief über Wien. Hört man von den anderen Parteien noch wenig über internationale Beratungshilfe, öffnet die SPÖ medienwirksam ihr geheimes Wahlkampfkästchen. So will man offensichtlich ein wenig beeindrucken oder zumindest den politischen Mitbewerber verunsichern. Allzuviel Neues tut sich freilich nicht, denn einer steht immer an der Spitze der SPÖ-Berater: Stan Greenberg. Die Beraterlegende aus den USA fliegt gerne ein - wie beim Wiener Wahlkampf und schon beim Nationalratswahlkampf 2002, als er in der Analyse richtig, im Ergebnis aber daneben lag. Sein Rat 2002: Gusenbauer sei nur im Team zu verkaufen. Das ist eigentlich eine ziemliche Zumutung für den Spitzenkandidaten der größten Oppositionspartei. Das Ergebnis bei den Wahlen war ernüchternd.

Der Beratungsansatz für den absolut amtierenden Wiener Parteichefs war in der Sache ebenfalls nicht unrichtig: nur keine Wellen schlagen, Ruhe und Stabilität vermitteln. Übersehen hat er dabei die Dynamik des ehrgeizigen FPÖ-Spitzenkandidaten in den SPÖ-Wählerschichten.

Die Bilanz von Stan Greenberg ist in Österreich alles andere als berauschend. Warum er schon wieder eingeflogen wurde, ist daher umso unverständlicher. Was andere Parteien schon längst erkannt haben, die SPÖ aber offensichtlich nicht wahrhaben will: die Situation einer politischen Partei ist ein durchgängiger, sich jeden Tag verändernder Prozess. Gerade in einem Wahlkampf mit einer wachsenden Zahl an late-und last-minute-deciders kommt die Dynamik in den letzten Wochen zustande. Sie ist weder von außen im Voraus berechenbar noch steuerbar. In der SPÖ-Bundeszentrale gibt es mittlerweile zwei Wahlkampfschulen: Jünger und -innen (ein besonders gelungenes Genderwort!) des Gusi-Gurus beharren auf seinen Vorgaben, andere sehen die Strategie dynamischer und plädieren für eine andere Vorgehensweise. Das ist jedenfalls wirksamste Methode, wie man eine Wahlkampfzentrale von innen her lahm legt.

Vielleicht überfordert man den US-Strategen aber auch, wenn er das grundlegende Manko der europäischen Sozialdemokratie, die erst unlängst vom ehemaligen Verwaltungskanzler Franz Vranitzky ein vernichtendes Urteil erhalten hat, kompensieren soll. Mit der jahrelang vernachlässigten inhaltlichen Arbeit und Positionen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lassen sich die heutigen Probleme nicht lösen. Stattdessen versuchte die Sozialdemokratie in Europa mit Betroffenheitsrhetorik, politischer Korrektheit und der Moralisierung von Politik einen "therapeutischen Staat" (@ Paul Gottfried) zu schaffen. Dessen Ziel war und ist die Verhaltens- und Bewusstseinsveränderung seiner Bürger. Aber die Bürgerinnen und Bürger haben sich zunehmend von diesem Bevormundungsprojekt emanzipiert. Daran lässt sich nichts ändern - auch nicht von Gusis Guru.

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Univ.- Prof. Dr. Günther Burkert-Dottolo
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