Stiftungsrat Dr. Gert Seeber zur ORF-Diskussion: Appell an alle, die einen erfolgreichen ORF im Auge haben

Wien (OTS) - Als einer von 35 Stiftungsräten des ORF, die nach dem Gesetz alle zur Wahrung der Interessen des ORF verpflichtet wären, sehe ich mich wegen der zunehmend bizarrer werdenden öffentlichen Diskussionen zum ORF als einer, der die Einberufung einer Sondersitzung unterstützt hat, zu folgender Wortmeldung veranlasst:

1. Soweit sich einzelne Stiftungsräte anmaßen, in öffentlichen Äußerungen für den gesamten Stiftungsrat zu sprechen, möchte ich als Mitglied des Stiftungsrats in aller Klarheit feststellen, dass ich niemanden ermächtigt habe, Erklärungen für den Stiftungsrat in meinem Namen abzugeben, so dass auch kein einziges Mitglied des Stiftungsrats legitimiert ist, für den gesamten Stiftungsrat (also unter Einbeziehung meiner Person) Erklärungen abzugeben!

2. Die öffentliche Diskussion der unternehmensbezogenen Themen gleitet teilweise in Bereiche ab, die geeignet sind, das genaue Gegenteil dessen zu erreichen, was mit der Sondersitzung beabsichtigt sein sollte, nämlich eine Stärkung und Zukunftssicherung des ORF.

In Kenntnis der derzeitigen Entwicklung ziehe ich die Richtigkeit der Unterstützung des Antrags auf Einberufung einer Sondersitzung in Zweifel.

Ein gewisses Maß an Absurdität gewinnt die Diskussion, wenn die Eignung der Generaldirektorin im Speziellen und die der gesamten Geschäftsführung im Allgemeinen in Frage gestellt wird, von Stiftungsräten, die in vergangenen Sitzungen des Stiftungsrats und/oder des Finanzausschusses sich in Lobreden über die von der Geschäftsführung des ORF erzielten Ergebnisse ergangen haben.

Dazu passen auch die Widersprüche dahin, dass man einerseits der Generaldirektorin Monika Lindner mangelnde Durchsetzungsfähigkeit unterstellt und andererseits Chefredakteur Mück deshalb angreift, weil er Durchsetzungsfähigkeit bewiesen habe. Welches Anforderungsprofil stellen die Kritiker an die kritisierten Personen nun wirklich?

3. Noch hinterfragungswürdiger ist öffentliche Kritik durch Personen, die sich auf die sorgenlosen Zeiten des ORF beziehen, in denen dieser ein absolutes Monopol in Österreich genossen hat und in denen der fernsehende Konsument nur die Wahl hatte, entweder das Programm des ORF zu konsumieren oder das Empfangsgerät auszuschalten. Heute noch braucht kein erdölproduzierender Staat den Verkauf seines Erdöls zu bewerben.

4. Noch immer ist der ORF eines der wenigen wirklich österreichtypischen Unternehmen, auf das die Österreicher stolz sein können. Bei einer Fernsehweltmeisterschaft würde sich der ORF unzweifelhaft für 32 teilnehmende Mannschaften qualifizieren. Viele Freunde aus dem benachbarten deutschsprachigen Umland wie Südtirol, Schweiz und Bayern bestätigen mir immer wieder seit vielen Jahren, dass man gerade im Nachrichten- und Magazinbereich die Sendungen des ORF gegenüber den Sendungen im "eigenen" Land bevorzugt.

5. Selbstverständlich muss der Stiftungsrat bemüht sein, dass der ORF die beste Chefetage, also bestmöglichen Generaldirektor, den besten Informationsdirektor und den besten Chefredakteur bekommt. Die Frage, wer dies ist, in einer Art öffentlicher Schlammschlacht zu erörtern, ist der denkbar schlechteste Weg, "unserem" ORF zu nützen.

6. Auch in doppelten Vorwahlzeiten gilt daher ein Appell an alle, die die Interessen einer erfolgreichen Entwicklung des ORF wirklich im Auge haben, sich zurückzunehmen, parteipolitische Kalküle und persönliche Profilierungssehnsüchte zurückzureihen und darauf Bedacht zu nehmen, dass einem der wenigen Österreich noch verbliebenen Unternehmens-Flaggschiffe kein schwerer oder gar nicht wieder gutzumachender Schaden zugefügt wird!

Rückfragen & Kontakt:

Kanzlei Dr. Seeber & Partner [office@seeber-lawconsult.at]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | GOK0002