"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Gott und die Götter" (Von ELKE RUSS)

Ausgabe vom 2.Juni 2006

Innsbruck (OTS) - Die Frage, ob die Medizin alles darf, was sie kann, stellt sich nicht erst heute. Doch der rasante Fortschritt bewirkt, dass die Ärzte ständig Neues können, noch bevor Gesetzgeber, Ethik-Experten und Moraltheologen entschieden haben, ob es vertretbar ist, das auch anzuwenden.

Vor allem dann, wenn die katholische Kirche im Spiel ist, ist für kontroversielle Debatten gesorgt. Stichwort Geburtenkontrolle:
Nicht nur Frauen finden es anmaßend, dass ihnen geistliche Würdenträger vom Papst abwärts zuerst Mittel zur Empfängnisverhütung verbieten und sie dann verdammen, wenn sie sich entschließen, ein Kind nicht auszutragen. Umgekehrt soll es ungewollt Kinderlosen nicht gestattet sein, Hilfe in der künstlichen Befruchtung zu suchen.

Die von den Bischöfen erlassenen "Leitlinien für katholische Einrichtungen im Dienst der Gesundheitsfürsorge" behandeln auch andere elementare Fragen des Lebens: Wie weit darf die Stammzellenforschung und Gentherapie gehen? Wo ist die Grenze zwischen pränataler Therapie und Kind nach Maß? Welche Maßnahmen dürfen Ärzte zur Lebensrettung noch setzen, ohne das Recht auf ein Sterben in Würde zu verletzen? Und was dürfen sie nicht tun, um ein scheinbar nicht mehr lebenswertes Leben zu beenden? Auch die Patientenverfügung wirft für die Ärzte im Kampf um ein Leben möglicherweise mehr Fragen auf, als sie zu klären hofft.

Wir mögen mit den Antworten der Kirche nicht immer einverstanden sein, aber es ist wichtig, dass diese Fragen immer wieder gestellt werden. Und zwar, ohne den Bischöfen gleich vorzuwerfen, sie hätten bloß Angst, die Götter in Weiß würden ihrem Gott das Messer ansetzen. Die Medizin braucht verbindliche ethische Richtlinien - gerade in Zeiten, in denen es längst nicht nur mehr darum geht, Kranke zu heilen, sondern in denen auch Gesunde mit zu vielen Spiegeln zur lukrativen Klientel geworden sind.

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