Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Die Kulturfalle

Wien (OTS) - Kaum einer der sich für wichtig haltenden Wortspender der üblichen Feuilleton-Debatten hat sich noch nicht geäußert:
nämlich dazu, dass Peter Handke nicht den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf erhält. Jede Wette, dass ein Großteil der Sich-zu-Wort-Melder erst jetzt von diesem plötzlich so bedeutungsvollen Preis erfahren hat. Ebenso gilt die Wette, dass dem Publikum solche Debatten ziemlich gleichgültig sind.

Dennoch ist es eine spannende Frage: War das Veto des Stadtrats gegen den diesbezüglichen Beschluss der Jury legitim, sodass der Preis nun nicht überreicht wird? Die Vermutung ist groß, dass sich die Jury - wie so oft an der Schnittstelle von Hochkultur und Macht -eine Hetz daraus gemacht hat, die Politik in eine unangenehme Situation zu manövrieren. Das stärkt nicht nur das Ego, sondern auch den Marktwert jedes Jury-Mitglieds.

Ebenso bestehen aber wenig Zweifel, dass Handke seine proserbischen Texte aus echter innerer Überzeugung geschrieben hat. Das aber haben im Laufe des letzten Jahrhunderts viele der faktisch, politisch und historisch oft ahnungslosen Künstler getan, die mit Verbrechern oder gar Völkermördern sympathisiert haben. Und das hat auch Handke zweifellos getan. Was - verständlicherweise - in Deutschland besondere Sensibilitäten auslöst. Niemand kann leugnen, dass serbische Milizen in den Jugoslawien-Kriegen Hunderttausende oft kaltblütig ermordet haben - und dass Serbien bis heute keine strenge Untersuchung dieser Taten eingeleitet hat, wie es etwa nun die USA (wenn auch mit blamabler monatelanger Verspätung) wegen der Ermordung von rund zwei Dutzend irakischen Zivilisten durch ihre Soldaten tun.

Die Konklusion: Niemand soll in aufgeklärten Rechtsstaaten Handke daran hindern können, seine Meinung zu sagen; so wie sich jeder seiner Kritiker, jeder dänische Karikaturist, jeder antichristliche Filmemacher artikulieren darf. Aber die Politik sollte endlich ihre Lehren ziehen, die ständige vordergründige Anbiederung an die ihr im Grund fremde Welt der Kultur einstellen, auf derlei Preise und Förderungen verzichten. Denn sie gerät dabei - auf Steuerzahlers Kosten - mit Regelmäßigkeit in große Peinlichkeiten, statt in den ersehnten Abglanz vermeintlicher Geistesgrößen.

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