"Die Presse" Leitartikel: Es rückt der wilde Geselle Dir auf den Leib (von Norbert Mayer)

31.05.2006

Wien (OTS) - Warum es richtig ist, dass Handke nicht den
Heine-Preis erhält - und warum er den Nobelpreis verdient.

Man muss nicht Dichter sein, um den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zu bekommen. Laut Statut genügt der gute Wille. Vorzuweisen ist "geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen", das Eintreten für die Völkerverständigung und den sozialen Fortschritt. Große Europäer wie Bartoszewski, Enzensberger, Gräfin Dönhoff oder die Weizsäcker-Brüder haben diese ehrenwerte Auszeichnung erhalten, die nach einem wunderbaren Dichter, streitbaren Feuilletonisten und wahren Menschenfreund benannt ist. Wahrscheinlich hätte Heine über die bisherige Liste der Preisträger gelächelt - sie entstammen vorwiegend dem Kultur-Establishment des deutschen Feuilletons.
Das ist eine nette Geschichte. In Heines Jahrhundert wären wohl die Gutzkows und Laubes vom ergriffenen Oberbürgermeister dekoriert worden.
Über die geplante Preisverleihung 2006 hätte der Dichter des "Atta Troll" wohl nur gespottet. Peter Handke war nach dem Willen der Jury für den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zwar prädestiniert, doch er ist, wenn man seine Schriften über Ex-Jugoslawien, seine öffentlichen Auftritte in Serbien und die Verständnislosigkeit, die er bei vielen Europäern damit hervorruft, denkbar ungeeignet für diese Auszeichnung der Toleranz. Deshalb sollte man die Entscheidung des Düsseldorfer Stadtrates begrüßen, der das Urteil der Jury ablehnt.
Mit der Toleranz ist nicht zu spaßen. Lieber einen harmlosen Gelehrten mit dem guten Heine belehnen als ein unberechenbares Genie. Peter Handke gehört ausgezeichnet, aber eben nicht für Güte, sondern für sein außerordentliches literarisches Werk, das in 40 Jahren zu einem schwer zu bewältigenden Text-Gebirge gewachsen ist. Er ist ein außergewöhnlicher Poet mit einer ganz eigenen Stimme. So einen kriegen wir nie wieder. Als Elfriede Jelinek 2004 den Nobelpreis erhielt, sagte sie spontan, dass ihn eigentlich ihr Kollege Handke verdient hätte. Da hat sie recht, so sehr man ihr die Ehre sonst auch vergönnt.
Jelinek hat übrigens 2002 den Heinrich-Heine-Preis bekommen. Zu Recht, sie passt ins Programm, weil sie nicht nur satirisch bitter ist, sondern immer auch humanistisch, fortschrittlich, in rastloser Sorge um das Schicksal der Menschheit.
Handke hingegen ist ein rücksichtsloses Genie, ein Autist der Sprache, ein Solitär. Man muss ihn lesen, wenn man einen wesentlichen Aspekt der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur verstehen will. Ihn zu ignorieren wäre so, wie wenn man die Werke des Norwegers Knut Hamsun nicht läse, weil er den Nazis gefällig war, oder die fantastischen Romane des Kolumbianers Gabriel Garcia Marquez, weil er mit Fidel Castro befreundet ist. Die Weltliteratur ist voller politischer Narren. Soll man die Bücher von Gottfried Benn verbrennen? Oder von Maxim Gorki? Heiliger Heine, davor bewahre uns die Meinungsfreiheit!
Peter Handke hat eben an Jugoslawien einen Narren gefressen, als er dort über die Dörfer gegangen ist. Das war eine Zeit lang nicht nur im sonnigen Süden unseres Landes, der offenbar besonders gern närrische politischen Ausformungen entwickelt, stark in Mode. Vielleicht hat Handke auch nur zu stark an Kärnten gelitten, oder an Österreich, diesem Fett, an dem er so angeekelt würgt. Es gibt Schlimmeres als Verblendung. Schlimmer wäre es, Handke undifferenziert zu verwerfen, seine Theaterstücke aus durchsichtigem Kalkül kurzfristig abzusagen, tabula rasa zu machen wie ein betrunkener serbischer General. Wie schmerzhaft Zensur ist, hat Heine am Schluss von "Deutschland. Ein Wintermärchen" beschrieben:
Die Schere klirrt in seiner Hand,
Es rückt der wilde Geselle
Dir auf den Leib - er schneidet ins Fleisch -
Es war die beste Stelle.
Bleiben wir also, im Sinne Heines, weltoffen für die seltsamsten Blüten der Literatur. Handkes Jugoslawien-Bücher, die nicht zu seinen besten Werken zählen, sind, wenn man sie nicht als diplomatische Dossiers, sondern als subjektive Reiseeindrücke liest, durchaus bemerkenswert _ keine Hasstiraden, sondern Impressionen eines Dichters, der offenbar wie Fürst Myschkin glaubt, dass die Schönheit die Welt regieren kann. Wenn man Handke etwas vorwerfen kann, dann ist es Naivität in der Einschätzung der jüngeren Geschichte des Balkan. Verbrechen ist das keines. Aber eben auch keine Empfehlung für einen recht heiklen Preis.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001