"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zeit im Bild-Misere oder: Keine Rolling Stones auf Radio Minsk" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 30.05.2006

Graz (OTS) - Es ist scheinbar nur ein Detail am Rande. Aber es hat Bedeutung: Am vergangenen Mittwoch meldeten die internationalen Agenturen, dass die Europa-Tournee und somit auch das Wiener Konzert der Rolling Stones auf unbestimmte Zeit verschoben seien.

Sofort wurde die Nachricht auf den Homepages aller wesentlichen Medien (auch der des ORF) und tags darauf in allen Zeitungen gebracht. Allein die Zeit im Bild-Kunden mussten dumm sterben: In keiner der abendlichen Sendungen gab es einen Bericht darüber, dass das größte Rock-Ereignis des Jahres wackelt.

Wie gesagt, ein Detail nur, aber ein bezeichnendes: Wer auf die Hauptnachrichten des ORF-Fernsehens angewiesen ist, wird mit einem Tunnelblick bestraft: Frommer Regierungsfunk aus dem EU-Inland, Katastrophen, Kriege und Skandale aus dem Rest der Welt.

Wann hat man zum letzten Mal relevante Nachrichten aus dem pazifischen Wirtschaftsraum gesehen? Wann etwas vom politischen Kunststück Südafrika? Wird man je mit Meldungen aus Australien behelligt? Und was die aktuellen, täglich anschwellenden Proteste um das eigene Haus betrifft, hat das Unternehmen mehr als eine Woche gebraucht, um erstmals darüber zu berichten.

Wer sich zum Vergleich um 19.45 Uhr arte-Info ansieht, weiß, dass die Zeit im Bild eine Welt zeigt, die nur für Schrumpfkopfinhaber taugt.

Dass die ZiB-Quoten sinken, hat damit zu tun, dass die Sendung weitgehend entbehrlich wurde. Man versäumt wenig, wenn man sie versäumt.

Wenn nun der Gesamtchefredakteur Werner Mück in einem offenen Brief die Kritik als "Suada links-intellektueller Outing-Stars" abkanzelt, dann muss man ihm schon Realitätsverlust attestieren. Das klingt wie Radio Minsk. Mit solchen Formulierungen werden in Demokraturen letzte Bastionen verteidigt. Hier zeigt sich, dass die Nerven des sonst ziemlich harten Mück blank liegen.

Im Übrigen ist auch das dröhnende Schweigen des eigentlichen Informations-Chefs Gerhard Draxler ein prägnanter Kommentar zur Lage.

Es ist schon klar, dass diese ORF-Schelte auch Trittbrettfahrer hat. So müsste Alfred Gusenbauer erst einmal beweisen, dass er in Sachen Einflussnahme keuscher wäre als weiland Viktor Klima, der sich nach Belieben bediente.

Aber Faktum bleibt, dass der ORF in einem verheerenden Zustand ist, in welchen ihn des Kanzlers willige Gehilfen gebracht haben. Dass ausgerechnet die das Unternehmen in eine gute Zukunft führen werden, darf man militant bezweifeln.****

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