Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

ORF in Seenot?

Wien (OTS) - Sind die plötzlichen SOS-Rufe rund um den ORF mehr
als Wahlkampfgeplänkel vor der Neuwahl von ORF-Führung und Nationalrat? Eher nicht: Denn sonst gäbe es ein klares Konzept der SOS-Rufer, wie ein besserer ORF ausschauen soll. So bleibt es bei dem schlichten, wenn auch taktisch geschickten Versuch, alle zu sammeln, denen irgendetwas am ORF nicht gefällt - und das sind immer 99 Prozent. Eher nicht: Denn sonst hätten sich bis auf zwei pensionierte Journalisten auch irgendwelche bürgerliche Menschen finden müssen, die sich hinter Huemer, Streeruwitz und Jelinek stellen. Eher nicht:
Denn sonst würde nicht Nostalgie ausgerechnet nach Gerhard Zeiler kommuniziert, der Adlatus eines SPÖ-Bundeskanzlers gewesen ist, bevor er ORF-Chef wurde. Zeiler musste daher auch gar nicht mehr zu Parteiveranstaltungen pilgern, um zu erfahren, was der Kanzler denkt. Und was Alfred Gusenbauer über die Zukunft unliebsamer Chefredakteure denkt, gibt er diesen ohnedies schon vorher in direkten Gesprächen kund. Oder lässt es anderen durch Mitarbeiter kundtun.

Wie aber soll man wirklich die Linie zwischen Politik und Fernsehen ziehen? Österreichisch: Der linken Redakteursmehrheit wird ein bürgerlicher Chef entgegengesetzt (beim Gutteil des Radios gar nichts)? Amerikanisch: Es gibt keinen öffentlich-rechtlichen Sender? Deutsch und italienisch: Ein Programm wird links strukturiert, eines rechts?

Alles sind Modelle mit großen Problemen, aber immer noch besser als das, auf was die Huemer-Initiative hinausläuft: Der ORF wird von seiner linken Redakteursmehrheit übernommen, die Hand voll Bürgerlicher wird öffentlich fertig gemacht.

Ideal wäre eine starke unabhängige Figur wie Gerd Bacher - aber auch er hat heute nur eher peinliche Namen vorzuschlagen. Vielleicht findet man eine Formel für eine Programmkommission aus erfahrenen und unabhängigen Persönlichkeiten, die nicht wie die heutigen Stiftungsräte auch zugleich für den wirtschaftlichen Erfolg sowie sehr eigennützige Interessen (von der Caritas bis zur Kulturlobby) verantwortlich sind, sondern Leitlinien dafür entwickeln, was "Unabhängigkeit" und "öffentlich-rechtlich" eigentlich bedeutet. In einer so monopolistischen Struktur wie in Österreich bleibt das aber eine kaum lösbare Aufgabe.

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