"Die Presse"-Leitartikel: "Frau Lindner kann das nicht" von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 30.5.2006

Wien (OTS) - "Die Presse"-Leitartikel: "Frau Lindner kann das
nicht" von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 30.5.2006

"SOS ORF": So lange die üblichen Unverdächtigen keinen Kandidaten präsentieren, jammern sie nur.

Nein, einen eigenen Kandidaten oder eine eigene Kandidatin will die Initiative "SOS ORF" nicht aufstellen. Nein, ein Volksbegehren wird es vorerst nicht geben. Nein, wie die Einhaltung des ORF-Gesetzes, die man fordere (danke übrigens, man vergisst ja zwischendurch doch immer wieder darauf, dass Gesetze eingehalten werden müssen), erzwungen werden soll, könne man nicht sagen. Die Politiker sollten sich halt endlich einmal an ihre eigenen Gesetze halten. Ach ja, und "wir wollen eine breitere und transparente Wahl mit gleichen Chancen für alle Bewerber, eine Entscheidung nach Konzepten und nicht nach Parteisekretariaten".
Sehr lieb. Und überhaupt sollen wir alle bessere Menschen werden, nicht wahr?
Es sind in erster Linie die üblichen Unverdächtigen von André Heller bis Elfriede Jelinek, von Peter Huemer bis Marlene Streeruwitz, die sich zur Initiative "SOS ORF" zusammengefunden haben und ein Ende des politischen Drucks auf den ORF fordern. Und sie spielen das übliche unverdächtige Spiel: Man merkt an, dass es den Zugriff der Parteien auf den ORF selbstverständlich zu allen Zeiten gegeben hat, aber jetzt sei es eben "an der Zeit".
Ja? Warum eigentlich? Weil, wie der wackere Armin Wolf in seiner inzwischen berühmten Dankesrede für den Robert-Hochner-Preis angemerkt hat, vom "Gleichgewicht des Schreckens" nur der "Schrecken" übrig geblieben sei. Das heißt aber, wenn es überhaupt etwas heißt, nur eines: dass der Schrecken, solange er gleichgewichtig ausgeübt wurde, kein Problem gewesen ist. Auch nicht für politisch und journalistisch so seismografisch angelegte Charaktere wie Armin Wolf. So lange der Zugriff der Politik großkoalitionär-sozialpartnerschaftlich organisiert gewesen ist, konnten alle, auch die demokratiepolitisch Hypersensiblen, ganz gut damit leben. Es hatte ja jeder seine Nische.

Das Problem war und ist für die Betroffenen - und für ihre Sympathisanten - also nicht der Zugriff. Das Problem ist, dass jetzt "die Anderen" (dass die Sonntagsfrage unter den ORF-Journalisten eine rot-grüne Zweidrittelmehrheit ergäbe, darf man nicht skandalisieren, aber man sollte es wissen) zugreifen. Und zwar nur noch sie. Nicht, dass das kein Problem wäre. Aber die Glaubwürdigkeit der SOS-ORF-Aktion wäre höher, wenn sich die nun Besorgten auch zu Zeiten des gleichgewichtigen Schreckens in ähnlicher Weise zu Wort gemeldet hätten. So bleibt, was den politischen Teil der Aktion betrifft, kaum mehr übrig als das übliche Geraunze derer, die gerade nicht dran sind.
Schon vergessen, was die Herren Rudas und Kalina geleistet haben? Oder glaubt jemand, dass die große Oppositionspartei hier und jetzt darauf verzichtet, ihre Interessen schnörkellos durchzusetzen, wo sie kann, von der Besetzung von Diskussionssendungen bis zum Auspackeln eines Personalpakets für den Tag X? Und wetten, dass die Unschuld der Grünen nicht dem Übermaß an Tugend zu verdanken ist, sondern dem Mangel an Macht? Gelegenheit macht Interventionisten.

Armin Wolf hat eine wichtige Debatte ausgelöst, die von allen Medien des Landes, außer vom ORF, geführt wird. Am Ende bleibt aber von dem Gesumse um Parteien-Einfluss und Bacher-Nostalgie eine entscheidende Frage: Wer ist dazu in der Lage, das ORF-Gesetz, dessen neuerliche Reform genau nichts bringt, so umzusetzen, dass die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags bei wirtschaftlichem Erfolg gewährleistet ist?
Frau Lindner kann das nicht.
Also denken sich manche in der ÖVP, dass Werner Mück vielleicht der richtige Mann wäre. Also schießt sich die SPÖ auf Mück ein, in einer Eleganz, die in der nach unten offenen Westenthaler-Skala eher nicht bei Tageslicht ablesbar wäre. Nicht, dass man Mück ein Übermaß an Offenheit und Souveränität vorwerfen möchte. Aber im Vergleich zu den Frühstücksdirektoren, die Frau Lindner mit Bedacht auf die eigene Überlegenheit aus den Landesstudios zusammengeklaubt hat, ist er ein Asset.
Also, liebe SOS-Besorgte, wer dem ORF wirklich helfen will, muss nicht lamentieren, sondern ihm einen Kapitän schicken, der das Schiff vor dem Untergang rettet. Ein Mangel an Menschen, die wissen, wie es nicht geht, herrscht auch im ORF nicht. Schwieriger wird es sein, den zu finden, der die Nerven, die Kraft und den Mut hat, die größte Medienorgel des Landes zu bespielen, ohne sich die Partitur jeden Tag umschreiben zu lassen.
Alles andere aber ist nicht mehr als Jammern auf gehobenem Niveau.

SOS-ORF-Präsentation Seite 27

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