Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Rot-weiß-rote Chuzpe

Wien (OTS) - Wiens ÖVP-Obmann hat die Idee zur Lösung des Ausländerproblems: Er schickt in- und ausländische Kinder in Bussen so lange durch die Stadt, bis in allen Schulen "nur" noch 30 Prozent der Kinder schlecht deutsch sprechen. Hätte Johannes Hahn die Geschichte der USA studiert, würde er wissen, welche schwere Krise dort ein solches "Busing", ausgelöst hat, und er würde uns damit verschonen.
Hahn hätte aber auch mit Eltern reden können. Diese wollen merkwürdigerweise die optimale Ausbildung für ihre Kinder, welche sie merkwürdigerweise dann massiv gefährdet sehen, wenn ein Drittel der Kinder schon mit der Unterrichtssprache Probleme hat. Was waren das für Zeiten, als die ÖVP noch die Partei der Freiheit - auch der Eltern - war, bevor Sozialingenieure sie übernommen haben, die in Kindern offenbar Rohmaterial sehen.

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Apropos Freiheit: Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen:
Die Landeshauptleute kämpfen dagegen, dass ihre Bundesländer die Freiheit bekommen, die landeseigenen Stromgesellschaft zu verkaufen. "Bitte, lieber Bund, fessle uns, wir würden am Ende etwas verkaufen, was wir gar nicht verkaufen wollen!" Was sie verschweigen: In Westösterreich gehören viele Wasserkraftwerke längst dem Ausland; im Rest Österreichs ist schon ein Teil der Stromfirmen verkauft (sowie Optionen auf das, was noch nicht verkauft werden darf); und nirgendwo müssen die Menschen um die populistisch beschworene "Daseinsvorsorge" bangen. Man muss sich ja wundern, wenn man die wackeren Neun hört oder die "Krone" liest, dass die wichtigste Daseinsvorsorge - die mit Nahrungsmitteln - ganz ohne Verstaatlichung funktioniert . . .
Die größte Chuzpe ist aber das Angebot der Neun, den Verbund zu kaufen. Dann hätten sie den einzigen Konkurrenten an der Leine, der derzeit noch für Wettbewerb am Strommarkt sorgt, also dafür, dass die Preise der Landesmonopolisten nicht noch mehr steigen. Wetten: Viele Österreicher werden auch über diese Chuzpe jubeln, solange man sie ihnen nur chauvinistisch verkauft, also mit der Schlagzeile: "Die Wasserkraft bleibt rot-weiß-rot!" Zweite Wette: Die BZÖ-Minister werden trotz des neuen Koordinators Westenthaler jedes von Jörg Haider verlangte Veto einlegen.

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