DER STANDARD-Kommentar "Es war einmal Jugoslawien . . ." von Adelheid Wölfl

Das Ende des Staatenbundes soll der ganzen Region den Weg nach Europa ebnen -- Ausgabe vom 23.5.2006

Wien (OTS) - Ein neuer Staat entsteht. Menschen, die sich daran gewöhnen müssen, ihre Identität jenseits der gemeinsamen Vergangenheit mit den Nachbarn zu finden. Ein kleines Land mit bedingtem Einfluss, das nur mehr für sich selbst spricht, eines unter vielen: Serbien. Das Unabhängigkeitsreferendum in Montenegro ist wohl für Belgrad langfristig die gewichtigere Zäsur. Denn in Montenegro, dem Land an den Schwarzen Bergen, wo am Sonntag 55,4 Prozent der Bürger dafür stimmten, sich aus dem Staatenbund mit Serbien zu lösen, haben sich viele schon vor längerer Zeit von der gemeinsamen Geschichte verabschiedet.

Der Wunsch nach Unabhängigkeit war der Wunsch, nicht mehr mit der serbischen Politik der 1990er identifiziert zu werden, nicht mehr mit den Kriegen, die angezettelt wurden, nicht mehr mit den Verbrechen und nicht mehr mit der zähen bis gar nicht vorhandenen Auseinandersetzung damit. Das Aus für den Staatenbund könnte im besten Fall nun aber auch Serbien zu einem neuen Selbstbild verhelfen: ohne regionale Vormachtstellung leben zu lernen, gleicher zu werden.

Die serbischen Nationalisten werden wahrscheinlich kurzfristig von den heftigen Emotionen, die die Unabhängigkeit bei vielen auslöst, profitieren. Doch die Drohung, einen Teil Montenegros, dessen Bewohner sich überwiegend als Serben bekennen, abspalten zu wollen, wird bleiben, was sie ist: ein patscherter Versuch, die Wirklichkeit zu verleugnen. Die beginnt nun zu sickern. Während die meisten serbischen Politiker am Montag in Schockstarre verfielen und schwiegen, fand Außenminister Vuk Draskovi´c erstaunliche Worte:
"Heute Nacht ist nicht nur Montenegro, sondern auch Serbien auf dem Weg zur internationalen Anerkennung seiner Unabhängigkeit", meinte er.

Die schwierigste Loslösung steht Belgrad allerdings noch bevor:
Neben den Verhandlungen über den Status des Kosovo nimmt sich das Referendum in Montenegro vom Sonntag wie ein Kinderspiel aus. Denn die Regierung in Belgrad hat sich im Fall Kosovo darauf festgelegt, eine Unabhängigkeit nie zu akzeptieren. Kosovo war zudem anders als Montenegro keine jugoslawische Teilrepublik. Die Unabhängigkeit Montenegros könnte die Bestrebungen der Kosovo-Albaner nun noch beflügeln. Und die Kopf-in-den- Sand-Politik in Belgrad auch.

Die Tatsache, dass der Staatenbund Serbien-Montenegro nie funktioniert hat, wurde von vielen Serben zwar ebenso ignoriert wie der Umstand, dass Belgrad auf das tägliche Leben der allermeisten Kosovaren seit vielen Jahren keinerlei Einfluss mehr hat. Doch mit einer staatlichen Eigenständigkeit des Kosovo würde Serbien noch etwas ganz anderes vor Augen geführt: dass es den Krieg mit allen Konsequenzen verloren hat.

Aber auch Montenegro und vielleicht bald dem Kosovo steht die Ernüchterung noch bevor. Der Wunsch nach Unabhängigkeit wird nicht mehr den Blick auf die tatsächlichen Probleme verstellen. Und die Bindung an Serbien kann dann nicht mehr als Vorwand für Reformstau und Entschuldigung für Korruption aller Art herhalten. Wenn das große Jubeln über die erlangte Souveränität ausgeklungen ist, werden die lokalen Politiker wohl auch für die schnöde Alltagspolitik in die Verantwortung genommen werden.

Genau hier ist Brüssel gefragt. Wichtig ist etwa, dass nach dem Zerfall Jugoslawiens auf einer pragmatischen Ebene eine verstärkte Annäherung zwischen den Nachfolgestaaten entsteht. Vor allem, um die Wirtschaft zu stärken.

Die Europäische Union kann hier als Vermittler agieren und tut es bereits. Von der Unabhängigkeit kann schließlich keiner leben. Letztlich liegt es aber auch an der Union, den Westbalkanstaaten langfristige Stabilität zu ermöglichen: Die EU-Staaten müssen zu der Beitrittsoption stehen und dürfen sie nicht verwässern.

Das ist das sicherste Mittel dagegen, dass der Unabhängigkeitsjubel in neue ethnische oder religiöse Konflikte umschlägt.

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