WirtschaftsBlatt Kommentar vom 19. 5. 2006: Die Post darf jetzt nicht kneifen - von Arne Johannsen

Flexibilität gehört nicht zu den Stärken der Post - und das ist ausnahmsweise gut so

Wien (OTS) - Das Leben ist manchmal gnadenlos: Die Witze über die "Schneckenpost" sind Legion - und jetzt kommt der Gelbe Riese auch noch verspätet an der Börse an. Seit mehr als drei Jahren kennen die Kurse an der Wiener Börse nur eine Richtung: nach oben. Doch kaum hat die Österreichische Post den Startschuss für ihren Börsegang gegeben, schon geht es mit den Aktien steil bergab. Mit der Post-Ankündigung hat das nichts zu tun, aber das zeitliche Zusammentreffen ist mehr als kurios. Blöder kann es nicht kommen.

Der Spott ist programmiert: Wieder einmal ist die Post zu spät. Dieses Mal nicht bei der Brief- oder Paketzustellung, sondern an der Börse. "Tempo" war halt noch nie das Wort, das einem spontan als Synonym zur Post einfiel. Also den Post-Börsegang jetzt lieber verschieben, um nicht in den Abwärtsstrudel der Börsen zu geraten?

Wer jemals in einer langen Schlange vor dem einzigen geöffneten Schalter eines Postamts gewartet und sich erlaubt hat, um die Öffnung eines weiteren Schalters zu bitten, weiss, dass Flexibilität nicht zu den Kernkompetenzen des Unternehmens gehört. Das ist im Geschäftsalltag ein ziemliches Hindernis, in diesem Fall aber ein Segen: Nichts wäre schlechter, als jetzt übereilt den Börsegang zu verschieben.

Zwar ist das Umfeld derzeit alles andere als ideal. Weltweit sinken die Börsen, vor allem Wien erwischt es besonders stark. Auch die letzten beiden Börsegänge, Zumtobel und Polytec, waren keine grossartigen Erfolge. Doch wer jetzt fürs Verschieben plädiert, sendet ein verheerendes Signal aus. Das lautet: Wir glauben selber nicht an die Post-Aktie. In ein Papier, das nur bei starkem Aufswind abheben kann, werden Anleger kaum Vertrauen stecken - und schon gar nicht ihr Geld.

Mit einer verbohrten Augen-zu-und-durch-Mentalität hat das nichts zu tun. Ein bisschen Selbstvertrauen dürfen Post und Eigentümer ÖIAG durchaus haben. Auch wenn die ersten Analysen der Post-Aktie nicht überschwenglich sind, die Hausaufgaben hat das Unternehmen gemacht.

Vor allem gibt es keine Garantie, dass die Situation an den Börsen in einem, zwei oder sechs Monaten besser ist. Je länger die Aufschwungphase, desto grösser die Wahrscheinlichkeit von Korrekturen. Das ist eine banale Erkenntnis, aber mit Euro-Zeichen in den Augen wird sie leicht übersehen. An der Börse gibt es ohne Risiko keine Gewinne: Das gilt für Anleger genauso wie für Unternehmen. Die Post darf deshalb jetzt nicht kneifen.

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