"Kleine Zeitung" Kommentar: "Schüssels Selbststilisierung als Monopolist der Macht" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 16.05.2006

Graz (OTS) - Wolfgang Schüssel besitzt zwei Eigenschaften, die gerade vor Wahlen nicht zu gering zu veranschlagen sind: Er ist ein glänzender Rhetoriker und er hat keine Scheu, sich als großer Macher in Szene zu setzen.

Kommt es darauf an, fackelt der Kanzler nicht lange und versenkt das sonst so gern zur Schau getragene Demutsideal als erster Diener des Staates erbarmungslos zugunsten theatralischer Selbststilisierung.

Das war vor zwei Wochen so, als Schüssel sich auf einer Art schwarz-orangem Weltspartag in der Wiener Bawag als Retter der maroden Gewerkschaftsbank feiern ließ. Und so verhielt es sich gestern bei seiner "Rede zur Lage der Nation", die von ihrer Inszenierung her hart an der Peinlichkeitsgrenze entlangschrammte.

Der sonnenkönighafte Einmarsch des Kanzlers zu den Klängen Charpentiers "Te Deum", die koketten Anspielungen auf den anderen "Wolferl", auf Wolferl Mozart nämlich, mit dem der Kanzler zufällig den Vornamen teilt - das alles ist eine Form der Selbstdarstellung, die sich für alle, denen schon die hierzulande verbreitete Parteitags-Ästhetik zarte Nesselausschläge beschert, am Rande des Zumutbaren bewegt.

Selbst dem politisch Unbedarftesten muss jetzt klar sein, dass der Wahlkampf eröffnet und der Kanzler fest entschlossen ist, die Wahl zum ultimativen Plebiszit über sich selbst und sein Team zu machen.

Zu diesem Zweck funktionierte Schüssel seine "Rede zur "Lage der Nation" - ein Altherren-Genre, das üblicherweise für Gähnen sorgt -in eine feurige Wahlkampfrede um, spendete seiner Regierung viel Eigenlob und zog nach allen Regeln der Kunst über die SPÖ her.

Doch so angeschlagen die Sozialdemokratie nach dem Bawag-Desaster auch in den Seilen hängt, die ÖVP läuft Gefahr, die Schraube zu überdrehen. Schwer hybrisverdächtig ist jedenfalls der Alleinvertretungsanspruch, den der Kanzler im Konzerthaus formulierte: "Wir sind Österreich" - so lautete grob verkürzt die Botschaft seiner Rede, in der er der SPÖ jede Führungskompetenz absprach.

Nun ist es einer Partei unbelassen, so zu tun, als wäre sie gleich ein ganzes Land. Ja, es wäre naiv, ihr dies in Wahlkampfzeiten anzukreiden. Doch sollte die ÖVP bei aller Abgrenzung nicht vergessen, dass sie sich nach der Wahl rasch mit der SPÖ in einem Bett wiederfinden könnte.

Gegenwärtig erinnert die ÖVP ein wenig an Ikarus: Das Bawag-Debakel hat ihr einen Aufwind beschert, der sie in schwindelerregende Höhen treibt. Steuert sie nicht dagegen, könnte der Absturz jäh erfolgen. Der Fall wäre tief.****

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