"Kleine Zeitung" Kommentar: "Chavez und Morales gebührt noch kein "alternativer" Jubel" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 12.05.2006

Graz (OTS) - Es ist beinahe schon eine Art Naturgesetz: Tagt irgendwo auf der Welt ein hochrangiger Gipfel, wird auch ein Gegengipfel organisiert. Wien mit seinem EU-Lateinamerika-Gipfel im Messepalast und der Alternativ-Veranstaltung in der Stadthalle macht da keine Ausnahme. Und wem es dort noch zu wenig alternativ ist, der kann in die Wiener Arena zum "Treffen der sozialen Bewegung. Hände weg von Venezuela und Kuba" pilgern.

Die Forderung, von Kuba die "Hände weg zu lassen", ist originell. Denn außer ein paar Tourismus-Unternehmen machen Investoren ohnedies einen großen Bogen um die verarmte Insel von Langzeit-Diktator Fidel Castro.

Zu Recht beklagt alle Welt das Schand-Gefängnis der USA in der kubanischen Guantanamo Bay. Aber der weit verbreitete Anti-Amerikanismus verschweigt schamhaft, dass unweit davon ungleich mehr Menschen in Castros Gefängnissen schmachten, deren "Verbrechen" oft nur darin bestand, gegen den "Maximo Lider" aufgemuckt zu haben.

Castro kommt nicht nach Wien. Deshalb sind jetzt Hugo Chavez und Evo Morales, die Präsidenten von Venezuela und Bolivien, die Superstars, die beim EU-Gipfel dabei sein und bei der Alternativ-Veranstaltung umjubelt werden. Chavez, der Linkspopulist, der Castro verehrt und vom iranischen Fanatiker Mahmoud Ahmadinejad begeistert ist, hat kürzlich gedroht, er werde sich per Referendum als Staatschef bis 2031 (!) bestätigen lassen, sollte es die Opposition wagen, die Präsidentschaftswahl im Dezember zu boykottieren.

Selbst Brasiliens linkem Präsidenten Lula wird Chavez mit seiner Politik, antiamerikanische Regime mit billigem Erdöl zu belohnen, allmählich unheimlich. Denn Brasilien hängt am Ölhahn von Chavez -und auch an jenem von Evo Morales, der gerade ohne Vorwarnung die (von brasilianischen Investoren aufgebaute) Erdgas-Industrie verstaatlicht hat.

Werden die Energie-Importe von dort aber für die Brasilianer immer teurer, müssen sie in großem Stil auf Treibstoff-Gewinnung aus Pflanzen umsteigen. Klingt ökologisch, ist es aber nur bedingt. Denn für den Anbau wird dann noch mehr Regenwald abgeholzt und der Boden mit noch mehr Unkraut-Ex und Kunstdünger verseucht.

Viele Anliegen des Alternativ-Gipfels sind richtig und wichtig. Aber Männer wie Chavez und Morales haben sich jetzt noch keinen Jubel verdient. Der gebührt ihnen erst, wenn sie die Lebensumstände in ihren Ländern tatsächlich verbessert haben sollten - und zwar nicht auf Kosten ebenfalls armer Nachbarn. ****

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