"Die Presse" Leitartikel:Tugendsam: So müssen Bosse sein. Ehrlich. Bawag, ÖGB, Penthäuser und Zockerei: Das ist nicht der Normalfall - könnte es aber durchaus werden. von MICHAEL PRÜLLER

12.05.2005

Wien (OTS) - Es gab einmal einen Begriff, an den sich einige
ältere Leser vielleicht noch mit Schmunzeln erinnern - der im Zusammenhang mit Bawag und ÖGB und den dort groß gewordenen Penthäuslern manchem doch wieder in den Sinn kommt. Die Rede ist vom Begriff "Tugend". Lachen Sie nicht. Gewiss, das Wort ist seit dem Ableben von Hedwig Courths-Mahler und dem steilen Auflagenrückgang der Anstandsbüchlein für christliche Jungfrauen etwas außer Gebrauch geraten. Aber es hatte einmal einen guten Klang.
Da ging es nicht bloß um sittsam niedergeschlagene Augen wohlerzogener Backfische. Sondern um viel mehr: um die eingeübte Neigung, stets das Gute zu tun. Also etwas, was zwar kein Mensch ständig durchhält, was aber als Grundlage jeder Hochkultur so augenscheinlich unverzichtbar ist, dass man schon in der Antike von jedem Bürger die Entwicklung von Tugenden, die Ausrichtung an Tugend-Idealen und die Erziehung der Jugend zur Tugend als selbstverständlich einforderte.
Der niederländische Gelehrte Frans Alting von Geusau hat kürzlich bei einem Vortrag erklärt, er lege seinen Studenten nahe, "Tugenden zu praktizieren statt über Werte zu diskutieren". Das hätten wir doch auch gerne bei den Bawag-Aufsichtsräten gesehen, die zwar darüber diskutiert haben, ob es bei Refco ordentliche Arbeitszeiten gebe -aber nicht gesagt haben: "Nein, Geschäfte, die ich nicht verstehe, kann ich auch nicht genehmigen."
Oder bei Gewerkschaftlern, die angesichts der "neoliberalen Kälte" im Lande nicht einmal annähernd das Schicksal ihrer Schutzbefohlenen teilen wollen, sondern es sich im gut beheizten Penthouse bequem machen. Oder bei eloquenten Bankdirektoren, die nur den Satz: "Ich habe Mist gebaut und trage die Konsequenzen" partout nicht aussprechen können.
Entgegen allgemeiner Ansicht hängt gerade der Erfolg der freien Marktwirtschaft entscheidend von Tugenden ab. Ohne Treu und Glauben, ohne die "Grundsätze eines ordentlichen Kaufmanns" geht da gar nichts. Doch hält sich hartnäckig der Irrglaube, dass der Unterschied zwischen Gauner und Generaldirektor nur in der Breite der Nadelstreif-Revers liegt. Aber erst der moderne Zyniker hat daraus den Schluss gezogen, Tugend erst gar nicht mehr einzumahnen. "Warum sollen ÖGBler und Bawag-Manager anders handeln, wenn die ganze Welt so wirtschaftet?", sagen allen Ernstes sogar Urgesteine der linken österreichischen Szene.
Andere wieder propagieren Tugend- Ersatzkonstruktionen wie Business Ethics oder Corporate Social Responsibility (CSR) _ und liegen damit auch daneben. CSR etwa dient weithin dazu, Managern solange ein schlechtes Gewissen einzureden, bis sie Geld in die Hand nehmen, das ihnen nicht gehört, um Initiativen zu sponsern, die für das Unternehmen ohne Bedeutung sind. Eine Tugend? Und vor allem: All das wird mit dem Argument verkauft, dass sich ein "anständiges" Unternehmen besser entwickelt. O.k., nur: Anstand um des Finanzerfolges willen ist noch keine Tugend.
Das haben auch andere nicht verstanden. So findet sich in den Wanderpredigten des Ex-SPD-Bundeskanzlers Gerhard Schröder fortwährend der Ausdruck, dies oder jenes an Gutem müssten wir tun -"schon in unserem ureigensten Interesse". Kein Wunder, dass es mit der Sozialdemokratie so weit kommt: wenn "sozial" und "Kalkül" schon eins geworden sind.
Verlässliche Tugend kann nicht auf Eigennutz gegründet sein. Einer, der Ritterlichkeit pflegt, weil das bei den Damen gut ankommt, ist nicht ritterlich. Wer Ehrlichkeit bloß als effizientere Problemvermeidungsstrategie praktiziert, ist auch ein Lügner, halt ein platonischer. Und Anstand nur zwecks Gewinnmaximierung ist weder anständig noch beständig.
Die Propagierung von Business Ethics oder CSR ist also schon eine Kapitulation. Weil man sich echten Anstand gar nicht mehr einzufordern traut. Tugend hat ja tatsächlich mit Verzicht zu tun _ Verzicht auf das Einfachere, Bequemere, Lukrativere _ im Namen eines höheren Ideals. Und welche Ideale sind das heute noch? Früher einmal waren das z. B. Gott, Kaiser und Vaterland. Heute gibt es nur noch ein letztes allgemein verbindliches Ideal: Wohlstand.
Das ist gar keine solche Tragödie, wenn man es etwa mit der letzten Hochkonjunktur "deutscher Tugenden" vergleicht. Aber kann man ernsthaft jemandem sagen: Im Namen des Wohlstands _ verzichten Sie auf Penthouse und Mercedes!? Eben. Wundern wir uns also nicht, wenn Elsner & Co. tatsächlich der Normalfall werden.

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