"Vorarlbeger Nachrichten" Kommentar: "Stromstoß" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 12.05.2006

Wien (OTS) - Die Übernahme der Verbundgesellschaft durch die OMV stärkt zweifellos beide Konzerne. Der international höchst aktive und sehr erfolgreiche Öl- und Gaskonzern hat sich einen Großabnehmer für Erdgas angelacht und steigt ins Stromgeschäft ein. Der Verbund bekommt einen zusätzlichen Energielieferanten für seine Gaskraftwerke. Die werden immer wichtiger, weil die Wasserkraft in Österreich ausgereizt ist.
Gemeinsam steigen zudem die Chancen beider Konzerne, in Südosteuropa mit Kraftwerksbauten zum Zug zu kommen: Die OMV bringt ihre Ost-Kompetenz ein, der Verbund hat Erfahrung mit dem Bau und Betrieb von Gaskraftwerken.
"Eins und eins ist drei", hoffen deshalb OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer und Verbund-General Hans Haider. Ihre Rechnung könnte aufgehen. Überschneidungen in der Produktpalette der beiden Energiekonzerne gibt es nicht, Reibereien sind daher kaum zu befürchten. Die Belegschaften haben die Fusionspläne prompt freudig abgenickt.
Weniger Freude ist bei den Kunden angezeigt. Zwar hat der Verbund Strom auch bisher nicht verschenkt, sondern zu marktgerechten Preisen verkauft. Die neuen Eigentümer werden aber zweifellos stärker auf Gewinn drängen. Bisher hatten der Bund und die Landesgesellschaft aus Wien und Niederösterreich das Sagen. Sie waren sicher weniger gierig als die Großaktionäre der OMV, allen voran die IPIC-Gruppe aus Abu Dhabi sowie britische und amerikanische Finanzinvestoren.
Ob der Verbund in Ostösterreich weiter den Preisbrecher spielen kann, ist fraglich. Bisher hat sich die Preispolitik an den niedrigen Stromtarifen in Vorarlberg und Tirol orientiert. Hebt der Verbund den Preis an, erleichtert das auch im Westen Verteuerungen: Die Angst vor einer billigen Konkurrenz wäre dann überflüssig.
Deshalb fällt es schwer, das Zusammengehen der beiden Energiekonzerne vorbehaltlos zu begrüßen. Es gibt aber auch keinen Grund, es wie die Arbeiterkammer entsetzt abzulehnen: Ein "Ausverkauf ins Ausland" oder eine "feindliche Übernahme wertvoller österreichischer Infrastruktur" sind in nächster Zeit nicht zu befürchten.
Der Stromstoß in Form der Übernahme der Verbundgesellschaft kann der OMV zusätzlichen Schwung im Ostgeschäft und bei den Verhandlungen um faire Preise und sichere Versorgung im Gasgeschäft sichern. Das wäre erfreulich. Er kann auch weniger erfreuliche Reaktionen wie einen Anstieg der Strompreise oder gar den gierigen Griff nach unserem Wasser auslösen, das über kurz oder lang wertvoller sein wird als der daraus erzeugte Strom.
Wie sagte doch ein altgedienter Beobachter der Energieszene so treffend, nachdem er die euphorischen Reden des OMV- und des Verbund-Chefs bei der Bekanntgabe des Zusammenschlusses gehört hatte:
"Reden wir in ein paar Jahren weiter." Dem ist nichts hinzuzufügen.

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