WirtschaftsBlatt Kommentar vom 11. 5. 2006: Warum lässt Grasser 100 Euro je Aktie liegen? - von Herbert Geyer

Der Bund soll sich bei OMVerbund auf 25 Prozent zurückziehen

Wien (OTS) - Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass ein Rückzug der Politik aus dem Stromgeschäft sinnvoll ist, so hat ihn gestern der für die Orangen wahlkämpfende Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider erbracht: "An der OMV sind die Scheichs beteiligt", stellte er die Assoziationskette zwischen Wasserkraft und Wüste her, um dann zu fordern, der arabische Raum dürfe nicht durch das Zusammengehen von Verbund und OMV direkten Zugriff auf österreichisches Wasser erhalten.

Abgesehen davon, dass es künftig nicht mehr dem Wirtschaftsministerium als Verbund-Eigentümervertreter, sondern den Kärntner Verwaltungsbehörden obliegen wird, zu verhindern, dass Kärntner Stauseen missbraucht werden, um die arabische Wüste in blühende Landschaften zu verwandeln (dafür gibt es Natur- und Umweltschutzgesetze), ist es jedenfalls von Vorteil für ein Unternehmen, nicht vom Einfluss solcher Politiker abhängig zu sein. Das Wirtschaftsleben ist schwer genug, wenn man vor Entscheidungen alle rationalen Erwägungen berücksichtigen muss.

Daher sind sich ja auch weltweit die Analysten nicht einig, ob sie den Deal positiv oder negativ bewerten sollen. Einig sind sie sich allerdings in einem - und das war wohl auch der Hauptgrund der OMV-Kursverluste in den letzten Tagen: Abzulehnen ist alles, was den Staatseinfluss in der fast schon privatisierten OMV vergrössert.

Genau das wäre aber beim derzeit gültigen Übernahmekonzept der Fall:
Da sich der Bund seine Verbund-Aktien nicht in Cash, sondern in Verbund-OMV-Aktien (bzw. über eine Wandelanleihe, was auf dasselbe hinausläuft) bezahlen lässt, steigt sein Anteil von knapp über 30 Prozent, die er an der OMV hält, auf über 40 Prozent am neuen Konzern.

Privaten Verbund-Aktionären empfiehlt das WirtschaftsBlatt (siehe Analyse Seite 27), das Bar-Angebot anzunehmen: 425 Euro in Cash sind besser als rund 325 Euro in Aktien.

Dasselbe empfehlen wir auch dem grössten Aktionär: Eine Chance wie diese, den geordneten Rückzug aus der E-Wirtschaft anzutreten, ergibt sich für die Republik so bald nicht wieder. Schon in ein paar Monaten würde diese Möglichkeit durch endlose Diskussionen zerredet.

Finanzminister Karl-Heinz Grasser sollte, wie die Privatanleger auch, die Gelegenheit beim Schopfe packen und seine - unsere -Verbund-Aktien zu Geld machen. Eine Sperrminorität am neuen Energiekonzern genügt.

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