Facharzt für Allgemeinmedizin

Wiederbelebung der Lehrpraxis nötig, um die Qualität der Allgemeinmedizin langfristig zu sichern Wien (OTS) - Aus Sicht der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) ist eine Ausbildungsreform für Allgemeinmediziner unbedingt anzustreben. Damit erfährt die Allgemeinmedizin in Österreich eine weitere Aufwertung und die Qualität und Effizienz der medizinischen Gesamtversorgung wird gefestigt. Das Resultat: Optimale Versorgungsqualität und so die Reduktion von teuren Folgeschäden.

Laut EU-Richtlinie 93/16 ist seit 1. Jänner 1994 die Ausbildung in der Lehrpraxis verpflichtender Bestandteil der Ausbildung zum Allgemeinmediziner. Da in Österreich 1994 die Meinung herrschte, dass die Ausbildungskapazität im extramuralen Bereich fehle, wurde die Möglichkeit eingerichtet, die Lehrpraxis auch an Krankenhäusern in den Erstversorgungsambulanzen zu absolvieren. Diese Tatsache und die niedrige Bezahlung von etwa Euro 1.300,- monatlich für das Lehrpraktikum in der Praxis des Allgemeinmediziners sind die Gründe, warum sich die meisten Jungärzte für die Ausbildung in Krankenhäusern entscheiden. Doch gerade die Lehrpraxis beim Allgemeinmediziner bietet den Turnusärzten die Möglichkeit, praktische Erfahrungen in einer Ordination zu sammeln. Etwa 80 Prozent aller Gesundheitsstörungen werden ausschließlich in den allgemeinmedizinischen Praxen diagnostiziert und behandelt. Die Sicherheit in Diagnostik und Therapie dieser häufigen Erkrankungen (z.B. grippaler Infekte) und die Früherkennung und Langzeitbetreuung chronischer Erkrankungen beispielsweise Diabetes mellitus oder Hypertonie kann nur dort gelehrt und gelernt werden, wo die Patienten mit diesen Erkrankungen betreut werden - eben in den Allgemeinpraxen. Die Praktikanten erwerben auch Wissen und Fertigkeiten, welche im Bereich Gesundheitsförderung und -vorsorge maßgeblich sind.

Im besonderen Maße fördert die Lehrpraxis auch die soziale Kompetenz und den zwischenmenschlichen Umgang. Die Jungärzte profitieren somit nicht nur auf fachlicher Ebene von der Lehrpraxis, sie erlernen neben praktischen Fähigkeiten den speziellen Umgang mit den Patienten in der Grundversorgung. "Die zwischenmenschliche Beziehung zwischen dem Allgemeinmediziner und seinen Patienten ist eine ganz besondere und ein wichtiger Aspekt in der täglichen Arbeit", erklärt Allgemeinmediziner Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM), aus eigener Erfahrung.

Kernpunkt der Ausbildungsreform ist 18-monatige Lehrpraxis

Deshalb soll in einer neuen Ausbildungsordnung die Ausbildung in so genannten Lehrpraxen auf 18 Monate ausgedehnt werden. "In seiner derzeitigen Form entspricht der Turnus nicht mehr den aktuellen Gegebenheiten und auch die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin in Österreich hat sich verschlechtert, da sie den über die Jahre geänderten Notwendigkeiten der Grundversorgung, dem gestiegenen Wissen über allgemeinmedizinische Versorgungsqualität und der vom ersten Praxistag an geforderten qualitätsgesicherten Arbeit an nicht mehr gerecht wird", bedauert Rebhandl. Konkret würde nach einem Jahr Ausbildung zum approbierten Arzt, die alle Ärzte absolvieren müssen, die Facharztausbildung folgen, die im Falle des Facharztes für Allgemeinmedizin eine zweieinhalb-jährige Ausbildung in Krankenhäusern und die 18-monatige Lehrpraxisausbildung umfasst. Wie in vielen Ländern bereits üblich würde die Gesamtausbildungsdauer somit fünf Jahre betragen und mit der Berufsbezeichnung "Facharzt für Allgemeinmedizin" abschließen.

Facharzt für Allgemeinmedizin: Ausbildung dauert zwischen zwei und sechs Jahren

In Europa dauert die Facharztausbildung je nach Land zwischen zwei und sechs Jahren. Die Weiterbildungszeit muss im Schnitt 1,5 Jahre in einer allgemeinmedizinischen Praxis oder Ambulanz absolviert werden. Die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin in Österreich stellt eine Verbesserung der strukturierten Weiterbildung dar. Was wiederum einen Schritt in Richtung optimierter Patientenversorgung bedeutet.

"In Deutschland steht der angehende Allgemeinmediziner vergleichsweise vor dem Problem, sich die Weiterbildungsstellen in den verschiedenen klinischen Abteilungen und dann in der Lehrpraxis selbst suchen zu müssen. Österreich kann hier auf das funktionierende Rotationssystem des Turnus aufbauen. Es fehlt lediglich die Erweiterung um die Tätigkeit in der Grundversorgung. Diese sollte in qualifizierten Lehrpraxen erfolgen und in die bestehende Rotationsweiterbildung fest mit eingebunden werden, um Kontinuität und Effektivität der Ausbildung zu gewährleisten. Des weiteren ist darauf zu achten, dass die Ärzte in der Weiterbildung tatsächlich ausgebildet werden, und nicht wie in Deutschland vielfach üblich, als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, die sich mehr oder weniger autodidaktisch um die Erweiterung ihres medizinischen Kenntnisstands bemühen müssen," sieht Prof. Dr. Andreas Christian Sönnichsen, Vorstand des Instituts für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin, Paracelsus Medizinische Universität (PMU), die Chancen in Europa für Österreichs Fachärzte für Allgemeinmedizin.

Ausbildungsmodell neu: Umfrage belegt Breitwilligkeit

Die Inhalte der Lehrpraxis, die den Praktikanten vermittelt werden sollen, gliedern sich in verschiedene Teil- und Unterbereiche, wie z.B. Hausarztspezifische Kommunikation mit Befundübermittlung oder Behandlungsplan, Allgemeinmedizinische Diagnostik bei Akut- und Notfällen, Allgemeinmedizinische Langzeitbetreuung und -behandlung chronischer Erkrankungen usw. Eine Umfrage der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) durchgeführt vom Wiener Meinungsforschungsinstitut IFES im Juni letzten Jahres ergab, dass sowohl bei den Lehrpraktikanten als auch bei den Lehrpraxisleitern der Weiterbildungseffekt als hoch bezeichnet wurde. Auch der Kontakt mit den Patienten wurde in der Lehrpraxis als intensiver empfunden und der bürokratische Aufwand ist geringer als im Spital. Fast jeder zweite Turnusarzt sieht sich durch Routine- und Bürokratiearbeiten im Spital als "vom Patienten ferngehalten". "Die angehenden Allgemeinmediziner profitieren auch für ihre berufliche Zukunft in punkto wirtschaftliche und administrative Organisation einer Praxis von der Lehrpraxis", erklärt Dr. Peter Niedermoser, Vorsitzender der Ausbildungskommission der ÖÄK.

Weiters spricht für die Lehrpraxis und deren Verlängerung, dass die Praktikanten in einem 1:1-Verhältnis zum Lehrenden stehen und direktes Feedback von diesem und von den Patienten bekommen. Der medizinische Erfahrungsaustausch wird intensiver gelebt als bei der Ausbildung im Spital. Die Praktikanten können auch an Hausbesuchen teilnehmen. Die Verbindung zum ausbildenden Arzt besteht meistens auch nach Beendigung weiter und wird oft als "zweite Meinung" oder Back-up genutzt.

Für Niedermoser sind bei der Umsetzung und der Qualitätssicherung der Lehrpraxis jedenfalls folgende Maßnahmen notwendig: Umsetzung des Konzepts der strukturierten Weiterbildung der ÖÄK in den Krankenanstalten, Umsetzung des Turnusärztetätigkeitsprofils der ÖÄK, regelmäßige Visitationen von Ausbildungsstätten, Restrukturierung der Lehrpraxis und ihrer Förderung. Bereits umgesetzt wurde die Strukturverbesserung der universitären Ausbildung. "Aus meiner Sicht ist die Umsetzung dieser Begleitmaßnahmen eine Voraussetzung für die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin, da nur auf Grundlage dieser Qualitätskriterien für die Ausbildung eine Verlängerung derselben sinnvoll und zielführend ist".

Medizinische Versorgung, die sich sehen lassen kann

Als Grund, dass Österreichs medizinische Versorgung im internationalen Spitzenfeld liegt, sieht Dr. Andreas Penk, Geschäftsführer Pfizer Corporation Austria, die gut funktionierende und wohnortnahe Versorgung. Durch die Ausbildungsänderung wird die Primärversorgung der Bevölkerung auf höchstem Niveau gehalten. Das zeigen Erfahrungen aus z.B. Deutschland und der Schweiz. Deshalb werden Überlegungen in diese Richtung auch von der heimischen Pharmaindustrie begrüßt. "Diese Ausbildungsreform würde gewissermaßen eine Qualitäts- und Effizienzsicherung der medizinischen Gesamtversorgung bedeuten, da eine längere Ausbildungszeit gleichzeitig auch ein Mehr an fachlicher Kompetenz und Sicherheit von jungen Ärzten bedeutet. Dies wiederum führt zu einem kompetenteren Management allfälliger Nebenwirkungen und zur optimalen medizinischen Therapie und reduziert solcherart hohe Folgekosten", begründet Penk.

Obmann Franz Bittner, Vorsitzender der Trägerkonferenz im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und der Wiener Gebietskrankenkasse sieht sieben Kernkompetenzen in der Zukunft des Allgemeinmediziners: "Als erste Kompetenz sehe ich die Koordinationskompetenz, das Nahtstellenmanagement sollte sich nicht nur auf die Befundsammlung beziehen. Die zweite ist die Kommunikation, die sich nicht nur auf die Arzt-Patienten-Beziehung beschränken sollte. Als dritte Kompetenz die Telematik und dadurch die Teilnahme an der gesundheitstelematischen Vernetzung - vom elektronischen Rezept bis hin zur zukünftigen elektronischen Krankengeschichte. Weitere Kompetenzen sind die psychosoziale, das besondere Wissen über das Krankheitsgeschehen bei älteren Menschen, Disease Management und integratives medizinisches und pharmakologisches Wissen". Der Allgemeinmediziner sollte die im Gesundheitssystem verfügbaren Ressourcen zum Nutzen der Patienten organisieren können.

Ausbildung finanziell fördern

Bleibt noch die Frage der Finanzierung: Derzeit werden aus Budgetmangel nur 110 von 750 potentiellen Interessenten gefördert. Deshalb wird seitens der ÖÄK immer wieder die Förderung der Ausbildungspraxen durch die Politik angesprochen. Eine Summe von elf Millionen Euro jährlich sollte aus dem so genannten Reformpool für die 750 interessierten Praktikanten zur Verfügung gestellt werden.

Hon.-Prof Dr. Robert Schlögel bestätig, dass auch aus medizinisch fachlicher Sicht des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen (BMGF) die Schaffung eines Facharztes für Allgemeinmedizin begrüßt und unterstützt wird. "Da die Umsetzung dieser Idee jedoch zahlreiche Facetten beinhaltet, indem sie sehr viele Ebenen, Institutionen und Einrichtungen betrifft, bedarf es hierfür zahlreicher Voraussetzungen. Aus meiner Sicht kann ein derartiges Projekt nur im Sinne einer Projektabwicklung mit einem entsprechenden Projektmanagement umgesetzt werden. Hiezu möchte ich ausdrücklich betonen, dass auch die rechtlichen Voraussetzungen hierfür erst geschaffen werden müssen. Seitens des Ressorts wurde bereits mehrfach angeboten, ein derartiges Projekt abzuwickeln. Ein Projektstart wäre mit Juni 2006 seitens BMGF möglich".

Die in diesem Pressetext verwendeten Personen- und Berufsbezeichnungen treten der besseren Lesbarkeit halber nur in einer Form auf, sind aber natürlich gleichwertig auf beide Geschlechter bezogen.

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