"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ohne Kinderbetreuung führt jedes Elterngeld in die Sackgasse" (Von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 10.05.2006

Graz (OTS) - Warum hat Deutschland die finanzielle Förderung von Familien radikal umgestellt? Die Entscheidung, Eltern künftig ein einkommensabhängiges Karenzgeld bis zu 1800 Euro für 14 Monate zu bezahlen, ist zunächst der Versuch einer Antwort auf den Geburtenrückgang. Dass das Karenzgeld nur 14 Monate bezahlt wird, wenn auch der Vater zwei Monate aussetzt, soll zusätzlich für Väter ein Anreiz sein, Erziehungsaufgaben wahrzunehmen.

Vom Ziel einer gemeinsamen Elternschaft, wie sie sich der Soziologe Paul Zulehner vorstellt, ist ja auch Deutschland noch gleich weit entfernt wie Österreich. Gemeinsame Elternschaft sei nämlich erst erreicht, sagt Zulehner, wenn Väter und Mütter darüber streiten, wer zu Hause bleibt.

Ein Grund auch für ÖVP und BZÖ nach der seit gestern vorliegenden ersten Evaluierungsstudie des Kindergeldes eine Neujustierung der Familienpolitik vorzunehmen? Gründe für eine Neuorientierung gäbe es genug. Selbst wenn ein "Eltern-Gehalt" zwangsläufig "diffamierungsanfällig" ist. Besser Verdienende bekommen bei diesem Modell mehr bezahlt als schlechter Verdienende. Für ÖVP und BZÖ dürfte aber weniger die soziale Schieflage der Grund für die massive Ablehnung des Elterngeldes sein.

Zunächst einmal ist der Stolz der Regierung über das Kindergeld immer noch groß. Ein Stolz, der zum Teil berechtigt ist. Immerhin bekommen im Gegensatz zu früher jetzt Studentinnen und Hausfrauen Kindergeld.

Reformbedürftig ist das Kindergeld aber allemal. Die Abschaffung der Zuverdienstgrenze, die von Ursula Haubner gestern gefordert wurde, wäre ein großer Schritt. Was aber ebenso fehlt, ist eine flexiblere Handhabung, um den verschiedenen Lebensentwürfen gerecht zu werden. Es geht darum, das dreijährige Kindergeld auch komprimiert in einem Jahr beziehen zu können. Um zumindest ansatzweise an das Eltern-Gehalt der Skandinavier heranzukommen und damit auch jenen entgegenzu- kommen, die nur kurz aus dem Beruf aussteigen wollen.

Zweifelsohne ist es eine andere Frage, ob tatsächlich die Einkommenseinbuße Frauen abhält, Kinder zu bekommen. Darum geht es aber nicht. Es geht zunächst vor allem um einen Lastenausgleich. Und es geht darum, dass das Eltern- oder Kindergeld für berufstätige Eltern nur ein Mosaikstein sein kann. Wenn nach einem Eltern- oder Kindergeld-Jahr kein Betreuungssystem vorhanden ist, verhilft auch ein Elterngeld nur zu einer einjährigen Unabhängigkeit - und endet in der Sackgasse. ****

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