Geliebt und ungeliebt: Tausendsassa Lehrer

"Prese"-Leitartikel vom 10.05.06 von Erich Witzmann

Wien (OTS) - Geliebt und ungeliebt:
Tausendsassa Lehrer

LEITARTIKEL von ERICH WITZMANN

Das Ansehen der Lehrer in der Bevölkerung ist gesunken. Am Imageverlust haben nicht nur die Lehrer Schuld.

Es gibt ihn, den ungeliebten Lehrer. Er geht stur seinen Weg, sieht nicht die Schüler mit ihren Stärken und Schwächen, oft auch mit ihren persönlichen Nöten. Er sieht sich selbst als Maß aller Dinge, als Respektsperson, dessen Autorität nicht zu hinterfragen ist.
Es gibt ihn, den Ideallehrer, verehrt und oft auch geliebt von den Schülern, geschätzt von den Eltern. Er sucht das Gespräch, vermittelt bei Konflikten (die es ständig gibt) und kann mit Engagement und Einfühlungsgabe, oft auch mit innovativen Lehrmethoden, den Unterrichtsstoff weitergeben.
Wir finden auch jene, die bei Schwierigkeiten bloß mit den Schultern zucken, die den Schülern nichts entgegensetzen, die bei auftretenden Problemen klein beigeben. Der Unterrichtsertrag lässt da zu wünschen übrig.
Das Ansehen der Lehrer ist signifikant gesunken, so eine Ifes-Untersuchung für das Bildungsministerium. Bei einer derartigen Meldung bleibt vorerst hängen, dass das Image der fast 120.000 österreichischen Lehrkräfte miserabel ist, dass es früher gute, jetzt schlechte, früher gerechte, jetzt unfaire Lehrer gab und gibt. Der Mittelwert jeder Statistik wird dann auf den gesamten Berufsstand gemünzt, es wird damit ein Bild gezeichnet, das die Betroffenen auf jeden Fall einmal zurückweisen.
Die Lehrer sind allerdings anders. Sie bestätigen nicht nur ihren Imageverlust, sie sehen ihn noch weitaus größer, als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Der Journalist, der über die Schule berichtet, kennt den Selbstbefund, der leicht in eine gewisse Wehleidigkeit abgleitet. Da hilft nicht der Hinweis auf andere Berufsgruppen, die in weitaus größerem Maße öffentlich am Pranger stehen.
Dass der Lehrberuf schwieriger geworden ist, sollte außer Zweifel stehen. Verstärkte Anforderungen der Gesellschaft an die Schule, die Übernahme von Erziehungsteilen, die früher selbstverständlich von der Familie wahrgenommen wurden, zunehmend nervösere Kinder, ein überbordender Unterrichtsstoff _ der (gute) Lehrer von heute sollte ein wahrer Zampano sein. Er sollte nicht nur Unterrichtender, sondern auch Erzieher, Animateur und Wegweiser für die künftige Berufslaufbahn sein. Die Folgen sind seit Jahren evident: Die Zunahme des Burn-out-Syndroms der Damen und Herren im Schuldienst sowie die Flucht in die Frühpension.
s-3;0Dazu kommt der politische Diskurs. Wenn man (nämlich die Politiker) ständig auf der Schule herumtrampelt, dann ist es kein Wunder, dass die Lehrer ihre Blessuren abbekommen. Die Opposition spricht ständig von einer Schulmisere, von einer kranken Schule. Die Bildungsministerin hält diesen Attacken das Bild einer intakten Schule entgegen und geht damit auch nicht auf die berechtigten Anliegen der Betroffenen ein. Natürlich sollen Politiker die ständige Entwicklung der Schulorganisation und des Unterrichts zu ihrem Anliegen machen. Totalangriff und Totalverteidigung sind die falschen Instrumente. Sie führen zu einer tiefgreifenden Verunsicherung.
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Es geht wahrlich nicht um die Rückeroberung eines unnahbaren Podestes für den Lehrer. Die Zeiten von Friedrich Torbergs "Gott Kupfer" gehören glücklicherweise schon lange der Vergangenheit an. Aber wir wollen auch keine eingeschüchterten Lehrer, die angesichts protestierender Eltern (und die gibt es mehr, als man annehmen möchte) den Weg des geringsten Widerstands gehen. s-3;0Verunsicherte Lehrer sind das Schlechteste, das einer Schule passieren kann. Österreich benötigt engagierte Pädagogen, die ihre Aufgabe und ihre Ziele kennen. Nur: Was sind die Ziele der Schule? Vermittlung von Wissen (wie bisher)? Das wird mehr und mehr in Abrede gestellt. Vermittlung von Kompetenzen? Diese Aufgabe ist, richtigerweise, vor einigen Jahren dazugekommen. Ersatz für vorhandene Defizite in der Familie, Ausgleich zu einer nicht mehr intakten familiären Umwelt? Das ist für viele Pädagogen schon Realität, auch wenn sie dafür nicht geschult wurden. Lebensberater und Beichtvater? Auch das kommt vor.
sEs muss der Aufgabenbereich der Schule neu formuliert werden. Wofür ist die Schule, wofür die Gesellschaft, wofür sind außerschulische Einrichtungen zuständig? Die Lehrer _ auch das muss gesagt werden _ brauchen Rückhalt. Angesichts sinkender Schülerzahlen ist der Kampf um den einzelnen Schüler ausgebrochen. Zu oft geben Direktoren die Devise aus, dass jeder Schüler zu halten ist. Erst wenn man den Lehrerstand stärkt, kann man von den einzelnen mehr verlangen. Ein besseres Image könnte dann von selbst die Folge sein.

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